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Test: Microsoft Band 2 als Smartwatch & Fitness-Tracker (Sommer 2016)

3.5 / 5 Sterne·31.8.2016·Kommentare:  0 · ~ 8 min

Update: Ich habe mein »Band 2« aufgrund eines Defekts retourniert. Mehr →

Als jahrelanger Armbanduhren-Verweigerer habe ich, bei einer der zahlreichen Aktionen auf Amazon.co.uk, dann doch zugeschlagen und mir ein Microsoft Band 2 zugelegt (Größe Medium, inkl. Versand um umgerechnet 208 Euro). Ich wollte einfach wissen, ob sich durch die Smartwatch-Funktionalität das ständige Tragen einer Armbanduhr wieder auszahlt und natürlich, was die Fitness-Tracker-Funktionen im Vergleich zu meiner Polar M400 taugen. Bezüglich Smartwatch-Auswahl ist man als Lumia-950-Nutzer mit Windows 10 Mobile recht eingeschränkt, das Microsoft Band 2 bot sich also, dank Rabatt auch preislich, an.

Trageweise und Komfort

Das Band kann auf verschiedene Arten getragen werden: Am Handgelenk entweder innen oder außen sowie natürlich jeweils links oder rechts. Ich bevorzuge die Variante mit dem Display auf der Innenseite: Erstens lässt sich so das horizontal ausgelegte User-Interface besser lesen und bedienen und zweitens liegt die Hand beim Tippen auf einer Tastatur bequemer auf dem Tisch auf. Da im Verschluss nämlich auch der Akku integriert ist, ist diese Seite des Bands wesentlich dicker und drückt bei der klassischen Trageweise mehr. Erste Befürchtungen, das Glas des Displays würde so schneller zerkratzen haben sich nicht bestätigt – doch dazu später mehr.

Die Größe des Bands entspricht einer normalen Armbanduhr. Viele Testberichte meinen, dass das Band relativ groß sei, was ich allerdings nicht bestätigen kann – es liegt irgendwo zwischen einer Swatch Irony und einer Polar M400. Gegenüber dem Band 1 wurden beim Band 2 einige Verbesserungen vorgenommen was den Tragekomfort betrifft, allerdings ist hier noch Luft nach oben vorhanden. Das liegt vor allem daran, dass das Band trotz ergonomischer Form relativ starr ist – also nicht nur das gebogene Display, sondern auch das Uhrband an sich. No-go ist das aber keines, man gewöhnt sich daran.

Smartwatch

Nach der Inbetriebnahme über die App »Microsoft Health«, in der man unter anderem die »Kacheln« genannten Apps auswählt und konfiguriert, stechen sofort das gute Farbdisplay sowie die wirklich gelungene sowie schnelle Benutzeroberfläche hervor. SMS lesen, Kalender-Einträge durchblättern, die Twitter- und Facebook-Notifications lesen – das alles funktioniert wunderbar. Als jemand, der bei der Bedienung der Druckknöpfe einer Casio immer verzweifelt, gefällt mir am Band – auch wenn es banal klingen mag – die vielseitige Stoppuhr: Alarme, Erinnerungen und Zeitgeber lassen sich über die Touch-Bedienung schnell und intuitiv einstellen. Auch die erst später nachgereichte Funktion zur Musiksteuerung (z.B. für Groove, Spotify etc.) erweist sich als praktisch. Neben lauter/leiser, vorwärts/rückwärts und Pause wäre der Wechsel zwischen Wiedergabelisten noch nützlich gewesen – aber vielleicht kommt das noch.

Obwohl das Band neben Windows 10 Mobile auch mit Android und iOS funktioniert, sind einige Funktionen wie das Antworten auf SMS über eine virtuelle Tastatur exklusiv Windows-10-Mobile-Nutzern vorbehalten. Eine Tastatur auf einem so kleinen Display mag unpraktisch klingen, funktioniert in der Praxis aber gar nicht so schlecht. Zudem ist es wirklich faszinierend, wie facettenreich die Texteingabe implementiert wurde: So gibt es nicht nur verschiedene Ansichten für Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen, auch die getippte Antwort lässt sich als Vorschau anzeigen, in der weitere Wörter eingefügt, gelöscht oder ersetzt werden können. Schade ist nur, dass sich die Autorkorrektur nicht komplett abschalten lässt. Interessanterweise ist diese Art der Interaktion exklusiv der SMS-Kachel vorbehalten. Das schnelle Erstellen von Kalender-Einträgen, Mails oder Tweets liegt eigentlich auf der Hand, ist derzeit aber nicht möglich.

Cortana

Da Cortana erst seit kurzem ohne umständliche Tricks bei den Ländereinstellungen in Österreich funktioniert, habe ich die im Band 2 integrierte Cortana-Funktionalität noch nicht getestet. Es kann gut sein, dass sich damit das Potenzial des Bands um einiges erhöht.

Als wirkliche Schwachstelle hat sich im Laufe der Zeit leider die Synchronisation mit dem Smartphone erwiesen, denn diese ist schlicht unzuverlässig. Besonders problematisch ist das, wenn man das Handy auf laut- und vibrationslos schaltet und sich nur auf das Band verlässt. Denn dann kann es schon passieren, dass man wichtige Anrufe, SMS oder Mails verpasst. Im Web findet man viele diesbezügliche Problembeschreibungen, leider ohne konkrete Ursache und auch ohne Lösung. Ebenfalls problematisch ist die Verwendung mancher Bluetooth-Ohrörer in Kombination mit dem Band: sowohl meine Earin, als auch The Dash können nicht mit der Musiksteuerung bedient werden – beim Verbindungsversuch beginnt die Anzeige sogar seltsam zu flackern, Verbindung kommt keine zustande. Mit den Jaybird BlueBuds X funktioniert die Steuerung hingegen auf Anhieb. Ich vermute hier nach wie vor Probleme mit mehrfachen Verbindungen über das Bluetooth-Low-Energy-Profil. Kabelgebundene Ohrhörer funktionieren problemlos.

Fitness-Tracker

Das Band ist mit integriertem GPS und optischer Pulsmessung ein wirklich guter Fitness-Tracker, der auch ohne Smartphone funktioniert. Neben einer allgemeinen Fitness-Funktion, wo sich eine Vielzahl an Aktivitäten (z.B. Rudern, Hanteltraining …) teilweise auch sehr detailliert (z.B. Art der Hantelübung) einstellen lassen, gibt es für einige Sportarten (z.B. Laufen, Radfahren, Wandern) eigene Kacheln. Während die Kachel für allgemeine Aktivitäten nur die Art der Übung, den Puls und die Dauer zu messen scheint (z.B. wird nicht via Bewegungssensor gemessen, wie oft man die Kurzhantel anhebt), speichern die dezidierten Apps wesentlich mehr Informationen.

Laufen

Ausgiebig getestet habe ich die Lauf-Kachel: Auch hier überzeugt die Benutzeroberfläche, die z.B. über einen Fortschrittsbalken über den aktuellen Kilometer Auskunft gibt. Ist ein weiterer Kilometer zurückgelegt, vibriert das Band kurz und zeigt groß die gelaufene Zeit für den eben gelaufenen Kilometer an – wirklich praktisch und durchdacht. So sehr ich meine Polar M400 auch mag, in dieser Hinsicht ist Microsoft mit dem Band dem Sportuhr-Veteran aus Finnland voraus. Dafür stellt sich das Touchdisplay, trotz Farbanzeige und durchdachtem Interface, gerade beim Sport als nicht unproblematisch heraus: Einerseits ist es bei direkter Sonneneinstrahlung schwer zu lesen (vergleichbar mit alten Handys) und zweitens reagiert die Touchbedienung mit verschwitzten Händen nicht mehr gut bis gar nicht mehr – und das kann teilweise ziemlich nerven, z.B. wenn man es am Ende eines Laufs partout nicht schafft, die Schaltfläche für »Sitzung beenden« zu erwischen. Der Verschluss des Bands fällt dafür gerade beim Sport positiv auf, da es sich durch den Einrastmechanimus rasch enger und weiter stellen lässt. Die Synchronisation der Sportdaten mit der Health-App am Smartphone bzw. dem »Microsoft Health«-Backend funktioniert reibungslos: sobald man wieder zu Hause ankommt, kann man sich die gelaufene Strecke auch schon im Web anschauen.

Wandern

Wandern ist nicht unbedingt meine meistausgeübte Sportart, aber die dafür 2016 nachgereichte »Explore«-Kachel ist featuremäßig dennoch faszinierend. Sie ist im Prinzip die Lauf-Kachel fürs Wandern und zeichnet via GPS den zurückgelegten Weg als Vektorlinien auf einer zoombaren Karte auf einem eigenen Screen am Band auf. Es lässt sich natürlich darüber streiten, wie nützlich so ein Feature ist, wenn man sein Smartphone ohnehin mit dabei hat, faszinierend ist es aber allemal und am Handgelenk schnell und unkompliziert abrufbar.

Schlafen

Schlafen als Sport? Ob die Schlafüberwachungsfunktion eher Fitness-Trackern oder Smartwatches zuzuordnen ist, sei dahingestellt. Jedenfalls bietet das Band 2 ein interessantes Feature, indem es versucht, das Wecken in einer Tiefschlafphase zu vermeiden. In der Praxis funktioniert das so, dass einen das Band bis zu einer halben Stunde früher als eingestellt aufweckt, wenn es die Schlafphase für leicht genug erachtet. Das Ergebnis ist (in der Theorie) ein erholsamerer Schlaf und ein leichteres Aufstehen. Für mich funktioniert dieses Feature jedenfalls gut genug, um es jede Nacht zu aktivieren.

Schwimmen?

Bei der ganzen Vielfalt bezüglich sportlicher Aktivitäten unterstützt das Band eine Sportart nicht: Schwimmen. Denn das Band ist schlicht und ergreifend nicht wasserdicht, sondern nur wasserabweisend.

Verarbeitung & Haltbarkeit

Das Band ist auf den ersten Blick gut verarbeitet, allerdings ist der Übergang des Kunststoffbandes zum Displayglas stellenweise nicht sauber gelöst, z.B. fühlt man leichte Höhenunterschiede, wenn man mit dem Daumen vom Kunststoffbereich auf das Display streicht – das fällt aber nur auf, wenn man in der Hinsicht pingelig ist. Zudem gibt es auf Amazon viele Meldungen, dass das Band nach einiger Zeit bricht, dieser Fehler wurde aber angeblich bei neueren Chargen behoben. Allerdings habe ich z.B. selbst im Juni 2016 noch ein Modell aus einer 2015er-Charge erhalten – bis jetzt gibt es aber noch keine Anzeichen für einen Defekt am Uhrband. Prinzipiell fühlt sich das Band hochwertig an, die Haltbarkeit ist aber eine andere Sache: Denn jedes im Band eingesetzte Material ist anfällig für Kratzer. Das fällt nach einigen Tagen bereits beim Verschluss auf, zieht sich einige Wochen später über das Kunststoffband, bis hin zu den Metallstreifen, in denen das Display eingefasst ist. Der einzige Bauteil ohne Kratzer ist bei meinem Band witzigerweise nach wie vor das Glas – und das obwohl es täglich im Büro auf meinem Schreibtisch aufliegt.

Ausblick auf das Band 3

Update, September 2016: Es gibt erste Gerüchte, dass Microsoft 2016 kein Band 3 mehr veröffentlicht bzw. die »Band«-Linie sogar ganz einstellt.
Update, Oktober 2016: Obwohl ein offizielles Statement nach wie vor aussteht, sieht es mittlerweile so aus, als würde Microsoft die »Band«-Linie einstellen.

Gleich vorweg: Offiziell angekündigt hat Microsoft noch nichts. Dass es ein Band 3 geben wird, scheint für mich aber sehr wahrscheinlich, (siehe Updates oben) denn sonst würde sich Microsofts VP of Devices Panos Panay nicht mit einer verdächtig nach Band-3-Prototyp aussehenden Smartwatch filmen lassen. Wenn man sich das Band 2 genau anschaut, scheinen einige Verbesserungen für das Band 3 offensichtlich: Zuverlässigere Synchronisation, bequemerer Sitz, bessere Touchbedienung bei Schweiß sowie Wasserdichtheit. Ob z.B. ein Onboard-MP3-Player sinnvoll ist, sei dahingestellt – hier überholen sich die Technologien gerade gegenseitig (siehe z.B. Bragis »The Dash«).

Fazit

Wer einen guten Fitness-Tracker sucht und mit seinem Windows-10-Mobile-Gerät ein wenig Smartwatch-Luft schnuppern möchte, kann mit dem Microsoft Band 2 wenig falsch machen, sollte sich aber darauf einstellen, dass Microsoft in den nächsten Wochen oder Monaten den Nachfolger vorstellt (siehe Updates bei »Ausblick auf das Band 3«. Während die Fitness-Funktionen und die detailliert präsentierten Daten im »Microsoft Health«-Backend wirklich überzeugen, sind die Smartwatch-Funktionen so eine Sache: Hauptproblem ist die unzuverlässige Synchronisation, die Microsoft nach wie vor nicht im Griff hat. Und selbst dann stellt sich die Frage, ob einfache Benachrichtigungen über Twitter-Mentions und dergleichen am Handgelenk der Weisheit letzter Schluss sind (sind sie nicht). Spannender wären hier schon situationsbezogene Interaktionsmöglichkeiten, die mit einem Smartphone umständlicher zu handhaben wären. Die Musiksteuerung am Handgelenk ist ein guter Ansatz, ebenso wie das schnelle Stellen von Erinnerungen. Ich trage mein Band 2 nach zwei Monaten immer noch täglich und bin nach wie vor von der Funktionsweise und Vielseitigkeit fasziniert. Im Gegensatz zu den nützlichen Fitness-Tracker-Funktionen fühlt sich der Smartwatch-Teil des Bands aber eben noch nicht so unverzichtbar wie ein Smartphone an – zu wenig ausgeschöpft ist das Potenzial, zu selten die Alltagssituationen, in denen man einen echten Mehrwert wahrnimmt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Vielseitig, mit Prototypencharakter ★★★½☆

Update: Ich habe mein »Band 2« zurückgeschickt

Leider trat bei meinem »Band 2« nach einige Monaten jener (offenbar bekannte und verbreitete) Fehler auf, der sich als schwächelnder Akku tarnt: Das Band ist plötzlich aus und kann nur durch Anhängen an den Strom wieder eingeschaltet werden, worauf es sich mit einer »Akku war leer«-Info zurückmeldet. Wischt man aber zur Akku-Anzeige ist dieser noch so gut wie voll. Legt man das Band wieder an, stellt man fest, dass derselbe Fehler nach einigen Minuten wieder auftritt. Es sieht so aus, als würde ein Wackelkontakt das Band ausschalten, durch die magische Reaktivierung beim Aufladen gewinnt man jedoch zunächst den Eindruck, der Akku wäre einfach leer gewesen. Ich hätte das »Band 2« gerne reparieren oder austauschen lassen – das Risiko, dass der Fehler erneut auftritt war mir aber zu hoch. Amazon hat das Band aufgrund meiner Fehlerbeschreibung anstandslos zurückgenommen. Das ist schade, denn ich habe es trotz Komfortmängeln gerne getragen. Microsoft scheint keine Wearables mehr herstellen zu wollen (ein »Band 3« wird es nicht geben), auch bezüglich Smartphones sieht es düster aus – daher werde ich 2017 wohl auf iOS umsteigen und aufgrund meiner positiven Erfahrung mit dem Band auch eine Apple »Watch« in Betracht ziehen.


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