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Gerangel um Sitzplatz im Zug, überraschende Reaktion des ÖBB-Zugführers

31.8.2018·Kommentare:  14Retweets:  0 8

Gestern bin ich eine Stunde früher als üblich mit dem Zug ins Büro gefahren. Aktuell fährt die Schnellbahn S1 aufgrund von Bauarbeiten nur einmal in der Stunde (Schienenersatzverkehr auf dieser Strecke zählt nicht – aber das ist eine andere Geschichte), was vor allem zu Stoßzeiten zu überfüllten Bahnsteigen führt. Nach ein paar Minuten Fahrt im schon recht gut besetzen CityJet durchbricht eine lauter werdende Diskussion zwischen zwei Fahrgästen (oder wie ÖBB-Stimme Chris Lohner sagen würde: »Reisenden«) meine Frühstücksroutine mit Kaffee und Spotify.

Mexican Stand-off in der S1

Als ich mich aufrichte und umdrehe, offenbart sich mir, auf der anderen Seite des Ganges, schräg hinter mir, ein interessanter Mexican Stand-off: Ein jüngerer Herr sitzt am Außenplatz, will aber den Innenplatz nicht freimachen (bzw. nicht hineinrücken, dieses Detail hat sich mir nicht erschlossen). Dem anderen Herrn, der Anspruch auf den freien Platz erhebt – er ist etwas älter als sein Kontrahent – ist es dafür gelungen, dessen Smartphone an sich und somit in »Geiselhaft« zu nehmen.

Obwohl es noch kein Gerangel ist, pressen sich beide bereits aneinander. Denn der eine meint, er könne hier ja einfach solange stehen, bis der andere den Platz freimacht und steht schon halb auf dem bereits besetzen Sitz. Der Besetzer fordert unterdessen kontinuierlich die »Freilassung« seines Smartphones.

Die Situation verschärft sich Satz um Satz, Aussage um Aussage und Forderung um Forderung, bis eine Dame schließlich meint, ob nicht einer der anwesenden Herren im Waggon einschreiten und was tun könne. Als einer dieser anwesenden Herren, amüsiert mich der Vorschlag. Denn über die Phase der Konfliktlösung mittels GFK nach Rosenberg scheinen wir schon hinaus zu sein. Meine körperliche Verfassung ist zwar nicht so schlecht, mein gemäßigtes Ausdauertraining dürfte mir aber keine große Hilfe sein. Und überhaupt habe ich meine, für jede Art geistige und körperliche Aktion notwendige, Ration Morgenkaffee noch nicht zur Gänze konsumiert.

Erheiternde Antwort auf Hilferuf

Ich mache dafür das, was ich in solchen Situationen immer für die beste Option halte und bitte die Fahrgäste im Eingangsbereich, mittels Sprechanlage mit dem Zugführer Kontakt aufzunehmen. Was ich normalerweise selbst tun würde, im mittlerweile gut gefüllten Gang ist an ein Durchkommen oder eher -quetschen (die CityJet-Garnituren haben erstaunlich enge Gänge) zur Sprechanlage nicht zu denken. Eine Dame informiert daraufhin dankenswerterweise auch den Zugführer, dessen Reaktion über die Lautsprecher für alle hörbar ist und trotz der angespannten Situation für allgemeine Erheiterung sorgt:

In Strebersdorf kann ein Security zusteigen, aber jetzt können wir nichts machen.

Wir Pendler auf der S1 finden das deshalb komisch, weil uns – trotz mangelnder Erfahrung bezüglich Navigation auf Schienen – der Umstand bekannt ist, dass die S1 nicht nach Strebersdorf fährt. Fuhr sie nie und wird sie auch wohl nie fahren.

Eskalation

Währenddessen hat sich die Situation um die Besitzansprüche des freien Platzes nicht entspannt und auch das Informieren des Zugführers scheint die Konfliktparteien nicht zu beeindrucken. Im Gegenteil, es kommt zu einem kurzen Gerangel, irgendein Ding (Smartphone?) fällt zu Boden und … die Auseinandersetzung löst sich auf. Der Mann, der partout alleine sitzen will, bleibt außen sitzen, der andere Herr zieht sich in den vorderen Zugbereich zurück.

Ich melde der Dame im Eingangsbereich, dass sich die Auseinandersetzung offenbar aufgelöst hat (hätte aber wohl präzisieren sollen, dass die Ausgangssituation die gleiche ist). Ob sie den Zugführer diesbezüglich informiert hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Security kommt jedenfalls keiner, weder in Süßenbrunn, noch in Leopoldau oder Siemensstraße. Eventuell wartet er auch in Strebersdorf auf die S1.

Alternative Konfliktlösung

Hin und wieder blicke ich kontrollierend zurück, der Fahrgast mit den besonderen Platzbedürfnissen hört aber nur mit Ohrhörern Musik. Irgendwo vor Floridsdorf (wo der Herr aussteigt) möchte sich eine junge Frau mit einem »Entschuldigung« nach der Verfügbarkeit des Platzes erkundigen, er reagiert aber nicht. Die Frau auf der anderen Seite des Ganges meint gelassen, »Der will niemanden reinlassen« woraufhin die junge Frau lächelnd mit einem »Achso« reagiert und weiter zieht.

Taktische Nachbesprechung

Ich finde diesen alternativen Ansatz zur Konfliktbewältigung in Anbetracht der vorhergehenden Eskalation faszinierend und erfrischend unaufgeregt – und er gibt mir Hoffnung. Für Öffi-Fahrgäste im Speziellen und die Menschheit im Allgemeinen … . Denn auch wenn die junge Frau mit der Contenance den Sitzplatz nicht »erobert« hat, so hat sie mit ihrer Entscheidung, nicht einmal Ansatzweise an eine Auseinandersetzung zu denken, sicher den besten Start in den Tag von den Dreien. Hut ab!


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