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Pendeln mit den ÖBB: Mein erster Polizeieinsatz in der Schnellbahn

14.11.2018·Kommentare:  13Retweets:  1 7

Es ist als Pendler wohl nur eine Frage der Zeit, bis man Zeuge seines ersten Polizeieinsatzes in einem Zug wird. In meinem Fall, als jemand, der täglich die Schnellbahnverbindung S1 der ÖBB nutzt, durfte ich dies vorgestern zum ersten Mal miterleben. An einem dieser Montage, wo man am Abend eigentlich froh ist, heimwärts gen Norden in die Schnellbahn einsteigen zu können: Ohrhörer rein, Salzstangerl und Almdudler raus und schon scheint mit dem Losrollen des Zuges der Wochenstart überstanden.

Irgendetwas stimmt da nicht

Doch schon beim Praterstern fällt mir auf meinem Sitz am Fenster in einem der mittleren Waggons einer CityJet-Garnitur etwas auf. Es sind die anderen Fahrgäste, die mir am Gang entgegenkommen und in den nächsten Waggon vorbeiziehen. Einige wirken so, als würden sie flüchten, aber dabei unauffällig bleiben wollen. Andere wiederum verdrehen auf ihrem Weg ins hintere Zugabteil die Augen. Und meine Pendlergefährten rings um mich herum scheinen im vorderen Zugabteil etwas von Interesse entdeckt zu haben und blicken an den Sitzlehnen vorbei nach vorn.

Der rollende S1-Stammtisch

Ich beschließe meine Musik zu pausieren und in Erfahrung zu bringen, was sich da vorne abspielt. Doch noch bevor ich mich aufrichten kann, um über die Lehne zu blicken, erkenne ich bereits beim Verstummen meiner Spotify-Playlist, den Grund für das Fluchtverhalten. Lautstark unterhält sich da eine Gruppe trinkfreudiger Kumpanen, die im ebenerdigen Teil der Garnitur jeweils links und rechts vom Gang eine Vierer-Tischgruppe in Beschlag genommen haben. Obwohl es draußen kalt und der Gedanke an einen wohlig-warmen Schluck Hochprozentiges verlockend ist, scheint der Vergleich mit einer Gruppe edler Wikinger oder Klingonen, der man sich zu einem Saufgelage anschließen will, etwas hoch gegriffen. Kabinenpartys wie diese sind um diese Jahreszeit in der Schnellbahn zudem nichts Ungewöhnliches und so beschließe ich, mich wieder Spotify und meiner Jause zu widmen.

Wieder einmal ruft jemand den Zugführer

Ein paar Stationen später, nahe Floridsdorf, beschließt der Mann eines schräg gegenüber sitzenden Ehepaares der Verhaltensauffälligkeit der Gruppe Einhalt zu gebieten, marschiert nach vorn, wechselt ein paar – wenig fruchtende – Worte und setzt sich wieder auf seinen Platz. Bei der Einfahrt nach Süßenbrunn versucht es seine Frau auf andere Weise und nimmt mit dem Zugführer Kontakt auf – das ist auch der Punkt, an dem ich beschließe meine Ohrhörer wegzupacken, weil der Unterhaltungswert solcher Situationen jenen des »Mix der Woche« auf Spotify in der Regel übersteigt. In Süßenbrunn bleibt der Zug tatsächlich einige Minuten lang stehen und es wird bald klar, dass der Zugführer die Schnellbahn in den Parkmodus versetzt, um hinten nach dem Rechten zu sehen. Als er die Garnitur betritt, verstehe ich auch, was der Anlass für seine Verständigung war: Anscheinend hat die Gruppe ihrer hedonistischen Logik nach geschlussfolgert, der Konsum von Tabakwaren würde den Genuss von Alkohol vorzüglich ergänzen. Da aber aktuell niemand der Beschuldigten einen Glimmstengel in der Hand hält, belässt es der Zugführer bei einer Ermahnung und setzt seinen CityJet einige Minuten später wieder in Bewegung.

Gerüche

Das rauchige Odeur fällt mir zwar auch auf (sehen kann ich die Gruppe von meinem Platz aus allerdings nicht), war aber der Meinung, es würde sich um den tabakhaltigen Fallout eines in der Nähe sitzenden starken Rauchers handeln.

Obwohl ich selber schon einmal den Zugführer über eine Gruppe Fahrgäste informiert habe, welche die Garnitur kurzerhand zum Raucherabteil umfunktioniert hat, bin ich überzeugt davon, dass dieser »Duft« im Vergleich zum sich zuvor entfaltenden Bouquet, eine Melange verschiedenster Ausdünstungen, der zu bevorzugende Geruch sei.

Falls sich jemand von euch zum angeblich überwiegend großen Teil jener Fahrgäste zählt, der es bisher aufgrund des Geruchs von Thunfischpizza oder Kebap keine 10 Minuten in der U6 ausgehalten hat, dem empfehle ich zur Abhärtung seines Geruchsinns eine Fahrt in der Schnellbahn bei einer Brise Kabinenparty-Ausdünstung – Wirkung garantiert.

Vorläufige Endstation

Die nächste Station ist Deutsch-Wagram, wo die Situation abermals an Dramatik gewinnt. Über die Bordsprechanlage verkündet der Zugführer nämlich:

Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund eines Polizeieinsatzes wird dieser Zug nicht weitergeführt.

Man kennt solche Ansagen am Bahnsteig, die sich normalerweise auf irgendwelche Streckenabschnitte beziehen. Uns allen, also strenggenommen dem nicht alkoholisierten Teil der Fahrgäste, wird aber schnell klar, dass dieser Polizeieinsatz nicht irgendwo, sondern genau hier, in dieser Garnitur stattfinden wird. Und das dürfte auch der Grund dafür sein, warum kaum jemand aussteigt – diese Show will jeder sehen. Aussteigen würde auch gar nichts bringen, denn die nachfolgende Schnellbahn ist noch eine halbe Stunde entfernt und draußen ist es kalt. Wir wissen zudem alle ganz genau, dass hier kein anderer Zug kommen und genau diese Garnitur weiterfahren und uns zu unserem Ziel bringen wird. Schienenersatzverkehr wird übrigens keiner angekündigt – nur, falls sich jemand gefragt hat.

Die Party ist vorbei

Während wir also auf das Eintreffen der Polizei warten vergehen einige Minuten, in denen das Gespräch am Stammtisch auf Schienen immer lauter wird und schlussendlich in ein Streitgespräch ausartet, in der hin und wieder auch mal ordentlich mit den Klapptischen gescheppert wird.

Ungefähr 10 Minuten später betreten zwei jüngere Herren in Polizeiuniform die Garnitur. Sie steuern allerdings nicht auf das feucht-fröhliche Trinkgelage zu, sondern beginnen die Lage zu sondieren:

Wo ist denn die ÖBB?

… meint einer der beiden und scheint zunächst feststellen zu wollen, wer hier aufgrund welches Problems die Polizei gerufen hat. Die Frau, welche zuvor mit dem Zugführer Kontakt aufgenommen hat, verweist auf eben diesen. Daraufhin verlassen die Beamten wieder den Zug, merken bezüglich der Neigungsgruppe Genussmittel, wohl halb im Scherz, in bestem Niederösterreichisch an:

Hamm’s kein Ticket?

Kurze Zeit später kehren die beiden Beamten nach offenbar geklärter Sachlage zurück und beginnen die Party souverän aufzulösen, indem sie die teilweise schwerst alkoholisierten Teilnehmer aus dem Zug bitten. Und mit bitten meine ich das Anschlagen exakt jenen Tons, der es durch die richtige Balance aus Autorität und Political Correctness (inklusive einiger stilechter »Geht scho!« und »Kumm, gemma!«) schafft, auch den noch so besoffensten, auf der Bank hängenden Sitzenbleiber zum Aussteigen zu motivieren.

Ironie des Schicksals

Einige Minuten später nimmt der CityJet wieder Fahrt auf und schiebt sich an der illuminierten Truppe vorbei, die jetzt am Bahnsteig von Deutsch-Wagram ausnüchtert. Es wäre wohl eine Ironie des Schicksals, wenn sie sich beim Warten auf den Zug zurück nach Wien über die unsägliche Verspätung ärgern würde, die hier irgendjemand verursacht hat.


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