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Test: Beats Flex – Apples Ramsch-Ohrhörer mit W1-Chip-Bonus

2.5 / 5Sterne·15.7.2021·Kommentare:  1Retweets:  0 1

Warum sollte sich jemand, der erst kürzlich zu den Sony WF-1000XM4 gewechselt ist, die Beats Flex zulegen? Und warum empfindet dieser jemand Ohrhörer mit einer UVP von 50 als Ramsch? Diese und andere Fragen, wie z.B. die nach der Soundqualität kläre ich im folgenden Test.

Verpackung und Inhalt der Beats Flex auf einem Schreibtisch aufgelegt
Verpackung und Inhalt der Beats Flex.

Warum überhaupt Beats Flex?

Zunächst einmal, warum habe ich mir die Beats Flex überhaupt angeschafft? Strenggenommen war es nicht nur ein Paar, sondern sogar zwei. Und das ist Samsung zu verdanken. Die haben nämlich in einem Move bar jeder Vernunft mit einem Android-Update von meinem Galaxy Tab S5e ein Feature entfernt, das wir täglich genutzt haben: Dual Audio. Zwei Paar Bluetooth-Ohrhörer gleichzeitig mit einem Gerät verbinden kann man natürlich auch bei Apple. Nennt sich dort »Audio teilen«, hat aber einen gewaltigen Nachteil. Es wird nämlich nur von einigen Apple- und Beats-Kopf- und Ohrhörern unterstützt.

Die günstigsten von dieser Liste sind die Beats Flex, die im Handel bereits um die 35 Euro zu haben sind (UVP 50 Euro). Erspart hätte ich mir die Anschaffung natürlich trotzdem gerne, aber was tut man nicht alles für den gemeinsamen Film- und Serienabend?

Auf einen Blick

  • + Unterstützt Apples »Audio teilen«
  • + Apples günstigste BT-Ohrhörer
  • + 12 Stunden Akkulaufzeit
  • + USB-C
  • - Ungeschickte Kabellösung
  • - Teilweise schlechte Verarbeitung
  • - Ramsch-Verpackung
  • - Zu hohe UVP
  • - Unterdurchschnittliches Mikro
  • - True Wireless nicht viel teurer

50-Euro-Ohrhörer sind also Ramsch?

Mein schlechter Ersteindruck hat weniger mit der gebotenen (Klang-)Leistung zu tun, sondern eher mit der Substandard-Verpackung und der teilweise inakzeptablen Verarbeitung. Ich habe insgesamt 3 Paar bestellt, von denen ich eines zurückgesendet habe: Bei allen drei lösten sich innen schwarze Partikel vom Verpackungsmaterial, von denen man die Ohrhörer erst einmal befreien musste – beim gelben Modell sogar besonders stark. Ebenfalls beim gelben Modell: Der Ein-/Ausschalter bewegt sich kein Stück und weist im Gegensatz zu den anderen Modellen gar keinen Druckpunkt auf (er funktioniert aber). Bei unserem schwarzen Modell (und weniger stark auch beim weißen Modell) quoll stellenweise der getrocknete Klebstoff hervor (an einem der Hörer und an einer der Buttonleisten). Da kann ich jetzt Pech gehabt haben, aber in der Form habe ich das selbst bei Billigmodellen wie z.B. von Mpow noch nicht erlebt.

Die Verpackung an sich ist übrigens ok: Es gibt ein Siegel, ohne dessen Durchtrennung man die Verpackung nicht aufbekommt. Innen liegen die Beats Flex in ein Inlay eingebettet (von dem sich die schwarzen Partikel ablösen dürften), das Kabel ist teilweise um die Rückseite gewickelt. Darunter gibt es ein verstecktes Kartonfach mit weiteren Ohrstöpseln in verschiedenen Größen (Medium ist wie immer montiert) und jede Menge Papierkram, sowie Beats-Aufkleber.

Ausstattung und Features

Mitgeliefert werden ein wenige Zentimeter kurzes USB-C-auf-USB-C-Kabel und insgesamt 4 Paar Ohrstöpsel: Small, Medium (vormontiert), Large sowie eine Tannenzapfen-Variante, bei der eine Medium- und Small-Größe übereinander gestapelt wurden. Die Ohrhörer können via USB-C geladen werden, warten mit 12 Stunden Laufzeit auf und wiegen insgesamt 19 Gramm. Die Hörer lassen sich zudem magnetisch »zusammenheften«, was gleichzeitig als Play/Pause-Kommando fungiert.

Buttons & Steuerung

Setzt man die Beats Flex in die Ohren ein, steuert man mit der linken Buttonleiste mit einer Wippe an der schmalen Seite die Lautstärke, der runde Knopf auf der breiten Seite dient für Play und Pause, zur Anrufannahme und aktiviert bei langem Drücken den Sprachassistenten. Die Ladebuchse (USB-C) und das Mikrofon (hinter dem schwarzen Grill) befinden sich ebenfalls an der linken Leiste. Die Buttonleiste rechts dient nur zum Ein- und Ausschalten. Nicht ideal gelöst ist die in den Button integrierte LED, weil man diese beim Drücken mit dem Finger verdeckt. Ob man fürs Pairing schon lang genug gedrückt hat, sieht man also nicht.

Gute Akkulaufzeit

Sollte man die Beats Flex trotz 12 Stunden Laufzeit einmal leer bekommen und dann vergessen aufzuladen, kann man mit 10-minütigem Aufladen (Beats nennt’s »Fast Fuel«) wieder eineinhalb Stunden Spielzeit erreichen.

Apropos Akku: Die LED im On/Off-Button fungiert nach dem Einschalten auch als Ladestands-Anzeige: Weiß bedeutet mehr als eine Stunde Akku verfügbar, rot weniger als eine Stunde und rot blinkend bedeutet Aufladen notwendig (in dem Zustand lassen sich die Flex nicht mehr nutzen). Und ja, das bedeutet leider, dass die Beats Flex auch im Dunkeln permanent leuchten. Zwar leuchtet das Weiß etwas gedimmter als z.B. beim Blinken während des Pairings, aber man merkt es.

Diese Features fehlen

Worauf muss man in diesem Preissegment (verständlicherweise) verzichten? Auf ANC, ein Case und eine IP-Zertifizierung (wasserabweisend oder gar -dicht sind die Flex nicht).

Unintuitives Einschalten

Im Betrieb negativ aufgefallen ist mir, dass die Beats Flex beim Einschalten keinen Signalton auslösen, sondern erst, wenn sie erfolgreich mit einem Gerät verbunden wurden. Man drückt also sekundenlang ohne Feedback auf die On-Taste, irgendwann erscheint am iPhone das Verbindungs-Popup und erst beim Antippen von »Verbinden« ertönt ein Signal über die Ohrhörer.

H1- vs. W1-Chip: Unterschiede und Nutzen

Als besonderen Bonus bieten die Beats Flex Apples W1-Chip. Dachte ich zunächst, dass es sich bei Apples neuerem H1-Chip (der z.B. in den AirPods Pro zum Einsatz kommt) nur um ein Rebranding des W1 handeln würde, so wurde ich eines Besseren belehrt. Denn der ältere W1-Chip in den Beats Flex kann tatsächlich weniger: Das automatische Wechseln zwischen Apple-Geräten beherrscht der W1-Chip ebenso wenig, wie z.B. Spatial Audio.

Was kann der Chip dann überhaupt? Das eingangs erwähnte »Audio teilen«-Feature, zum Beispiel. Und automatisches Pairing. Was ist damit gemeint? Schaltet man die Ohrhörer in der Nähe eines Apple-Geräts ein, erscheint ein Popup, mit dem sich die Ohrhörer mit dem Gerät verbinden lassen und man den (einmaligen) Pairing-Prozess dabei überspringen kann. Via iCloud befinden sich die Beats Flex dann auch in den Bluetooth-Gerätelisten aller (unterstützten) Apple-Devices. Prinzipiell lassen sich die Ohrhörer damit auch leichter mit verschiedenen Geräten verbinden, da immer das Popup erscheint und man nicht in die Bluetooth-Einstellungen wechseln muss. Allerdings könnte man auch kritisch anmerken, dass ein Hersteller, der das Anzeigen der Bluetooth-Einstellungen so mühsam gestaltet, sich natürlich leicht tut, jeden diesbezüglichen proprietären Firlefanz als Feature zu bewerben.

In Anbetracht der Tatsache, dass Beats’ neuestes Modell, die Studio Buds, bei einer UVP von 150 Euro weder H1- noch W1-Chip bieten, in dem Preissegment für Apple aber durchaus lobenswert.

Kabelsalat

Dass der linke und rechte Hörer der Beats Flex mit einem Kabel verbunden sind, steht außer Kritik. So ist das Produkt für die Preisklasse ausgelegt und man weiß als Kunde auch, was man bekommt. Beim Kabelmanagement und der Tastenverteilung hat man sich dafür aber nicht wirklich etwas überlegt. So ist das Kabel sehr lang und die Buttons, Akku und Ladebuchse wurden auf zwei großzügig dimensionierte Kunststoffleisten verteilt, die das Kabel symmetrisch einmal an der linken und rechten Seite dritteln.

Steckt man die Beats Flex ins Ohr schlenkern die Tastenleisten links und rechts am Hals entlang (mit Hemdkragen überhaupt eine Katastrophe). Wie auch auf den Produktfotos zu sehen, wölbt sich dabei das Kabel in einer Schleife nach vorn, was ich bei der Benutzung als sehr lästig empfunden habe.

Bei der Kabellänge hört man dann auch jedes Geräusch, dass durch die Reibung am Kabel erzeugt wird. Am besten nutzt man die Beats Flex also stationär und ohne sich viel zu bewegen. Das steht natürlich ein bisschen im Widerspruch zur Idee von kabellosen Ohrhörern. Meine Jaybird BlueBuds X waren da 2013 schon viel weiter und boten ein cleveres Kabelmanagement mit Klammern, mit dem sich das Kabel verkürzen und eng um den Hinterkopf führen ließ – keine Kabelgeräusche mehr und volle Bewegungsfreiheit ohne, dass irgendwas in Kopfnähe baumelt!

Unterdurchschnittliches Mikrofon

In der Ohrhörerwelt gibt es, zumindest im True-Wireless-Bereich, kaum wirklich gute Kandidaten, was Mikrofonqualität betrifft (auch nicht die Sony WF-1000XM4, wenn man ehrlich ist). Die Beats Flex sind hier noch eine Spur schlechter – was in Anbetracht der Gesamtsituation aber auch schon egal ist.

Sehr gute Bluetooth-Reichweite

Überrascht hat mich die Bluetooth-Reichweite, denn so problemlos konnte ich noch nie ein Video weiterlaufen lassen, wenn ich z.B. ein Stockwerk nach unten in die Küche gewechselt bin. Das ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass dank Kabel und großzügiger Gehäuse für die Technik, die Empfangssituation wesentlich besser als bei moderneren True-Wireless-Ohrhörern ist.

Zweckmäßiger Sound

Die Klangqualität an sich ist ok. Im direkten Vergleich zu den (wesentlich) teureren Sony WF-1000XM4 fehlt es den Beats Flex an Kraft und Bühne und auch die Höhen wie z.B. Stimmen können etwas gepresst wirken. Aber in ihrem eigenen Leistungsspektrum sind die Beats Flex schon gut abgestimmt und können sehr laut gestellt werden. Bei Serien- und YouTube-Konsum kann man da nicht klagen, auch wer nur kurz in das eine oder andere Lied hineinhören möchte bekommt zweckmäßigen Klang. Wer aber natürlich andere Ohrhörerklassen gewohnt ist, wird diese bei Musik schnell vermissen.

Zu hohe UVP

Eine UVP von 50 Euro klingt erst einmal nicht so schlecht. Und vergessen wir einmal Apples (bzw. Beats) schleißiges Verpackungsdesign. Für 50 Euro bekommt man hier aber im Grunde 10 Jahre alte Consumer-Technologie in undurchdachtem Design mit mangelhafter Qualitätssicherung, die dafür aber mit hippen Branding und hoher Marge an die Frau und an den Mann gebracht wird.

Der Preisunterschied zu True-Wireless-Alternativen ist einfach schon so gering, dass sich die Beats Flex nur mehr auszahlen, wenn man ganz spezielle Anwendungsfälle dafür hat. Zum Beispiel, wenn man den W1-Chip für »Audio teilen« in der Apple-Welt braucht. Oder unbedingt Ohrhörer in Knallgelb will. Oder – soll es ja auch geben – partout keine True-Wireless-Ohrhörer will. Mir ist klar, dass bei einem Straßenpreis von 35 Euro da nach unten kein Spielraum mehr ist und Beats die Flex auch nicht einfach so herschenken kann. Bei Konsumenten, die Produkte auch vom Preis/Leistungsverhältnis her miteinander gleichen und nicht einfach das billigste nehmen, scheinen mir die Beats Flex aber eher schlechte Karten zu haben.

Fazit

Mein Test ist schon sehr, sehr kritisch, das ist mir klar. Wenn ich mir aber die ganzen weichgespülten YouTube-Tests zu den Beats Flex anschaue, die mit ihrem »Eh ganz ok«-Urteil versuchen, noch ein paar Euro aus den Affiliate-Links raus zu quetschen, dann ist ein Kontrapunkt wie meiner bitter notwendig. Wirklich empfehlen würde ich die Beats Flex folglich nur für spezielle Anwendungsfälle: Audiobücher am Strand oder im Freibad. Nutzen von »Audio teilen« am iPad, wenn man normalerweise lieber Ohrhörer, die nicht von Apple oder Beats sind, verwendet. Wer Ohrhörer für den täglichen mobilen Einsatz sucht und damit auch Musik hören möchte, der sollte mehr investieren und gleich zu komplett kabellosen Modellen greifen. Die sind dann zwar etwas teurer (brauchbare Modelle gibt es aber auch hier bereits um die 100 Euro), sind aber wesentlich bequemer in der Nutzung und bieten meist auch besseren Klang.

Für Spezialfälle ★★½☆☆

Hinweis: Dies ist ein unabhängiger, nicht kommerziell ausgerichteter Testbericht basierend auf meinen Erfahrungen. Ich habe das getestete Produkt selbst bezahlt, mir stand weder ein Testmodell oder eine Leihgabe zur Verfügung, noch enthält dieser Artikel Affiliate-Links. Mehr zur nicht-kommerziellen Ausrichtung von benedikt.io gibt’s unter Über.


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1 Kommentar

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#1 von Beckmesser am 26.7.2021, 16:32 Uhr

Für meine Kids vor einem halben Jahr gekauft und nicht bereut. Nicht leicht im Schulbus zu verlieren, keine totale Abschirmung auf der Straße und die Vorteile beim einfachen Wechsel von iPhone zu iPad und Mac…
Die Kritik kann ich schwer nachvollziehen.

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