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Kritik: »Je suis Karl« (ab 17.9. im Kino)

Spoilerfrei·4.0 / 5Sterne·5.9.2021·Kommentare:  2Retweets:  2 4

Man ahnt bereits, dass hier bald etwas schiefgehen wird, als das Berliner Ehepaar Alex (passgenau: Milan Peschel) und Inès (Mélanie Fouché) den libyschen Flüchtling Yusuf aus Budapest mit dem Auto rettet – zu treibend ist die musikalische Untermalung, zu aggressiv die zwischengeschnittenen Credits. Und tatsächlich, nach einer kurzen Szene der Freude und Menschlichkeit über die gelungene Flucht, wird es wenige Filmminuten später in »Je suis Karl« sehr ernst und sehr düster. Noch mehr, als die ohnehin schon deprimierende Stimmung der Flüchtlingskrise zu Beginn vermuten ließe

Luna Wedler und Jannis Niewöhner
Luna Wedler und Jannis Niewöhner (© Filmladen)

Ich habe vor »Je suis Karl« weder den Trailer gesehen, noch mich über den Inhalt informiert1 und das würde ich auch interessierten Zuschauern empfehlen, da so der Film besser funktioniert. Das gilt für die meisten Filme, in dem Fall aber besonders, weil etwaige durch den Trailer geschürte Erwartungshaltungen von der eigentlichen Entwicklung der Protagonistin und ihres Umfelds ablenken. Denn in »Je suis Karl« geht es vor allem um Maxi (genial: Luna Wedler), der Tochter von Alex und Inès, die in eine Bewegung hineingerät, die sie zwar nicht durchschaut, sich von ihr aber verstanden, aufgenommen und vielleicht sogar ermächtigt fühlt, mit einem ihr widerfahrenen, traumatischen Ereignis umzugehen.

Hinweis: Der Kinobesuch erfolgte via Einladung des Verleihs Filmladen zu einer Pressevorführung. Diese Kritik wurde weder gegen Bezahlung oder sonstige Gegengeschäfte erstellt, noch unterliegt sie irgendwelchen Bedingungen oder Beschränkungen seitens des Verleihs oder Dritter. Die Kritik unterlag keiner Genehmigung, der Verleih konnte diese erst, wie alle Leser- und Leserinnen, mit der Veröffentlichung auf benedikt.io lesen. Mehr dazu in Über.

Das Interessante dabei: In jeder Situation, in der man als Zuschauer die Glaubwürdigkeit der Handlung in Frage stellt und sie vielleicht als »zu fiktional« oder »dramaturgisch über die Stränge schlagend« einstufen würde, ruft man sich instinktiv Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit in Erinnerung, die jeden Zweifel an Realismus schnell im Keim ersticken. So ist »Je suis Karl« auch – oder gerade – ein Film über mediale Inszenierung und Manipulation zum Unterjubeln extremistischen Gedankenguts. Im Zeitalter des Internets funktioniert das nämlich nicht mehr über »einfache Wahrheiten«, sondern mit bequemen (und daher über jede Kritik erhabene) Kausalketten, die jede noch so extremistische Grundhaltung rechtfertigen. Und natürlich mit dem Vermeiden eindeutiger, entlarvender Begriffe: »Sieg heil« auf der Keynote einer Jugendveranstaltung schreien – geht gar nicht. Hinterher Fakevideos über angeblich vergewaltigende Flüchtlinge auf Social Media posten – kein Problem. So wird Maxi von Karl (nicht minder genial: Jannis Niewöhner) umgarnt, während dieser Schritt für Schritt versucht, sie für seine Zwecke einzusetzen.

Der Film hat dabei vielleicht in bisschen das Problem, dass er diese Ausgangssituation und den Sog, in den Maxi gerät, bis zum Schluss steigern muss. Das passiert im letzten Drittel auch definitiv, aber für das angedeutete Ausmaß der Entwicklungen hätte der restliche Film entweder ein gänzlich anderer, eher als Thriller oder Effektkino ausgelegter, sein müssen oder aber ein viel längerer, der auch andere Handlungsaspekte näher beleuchtet und das Ende damit glaubwürdiger macht. Die Effektivität des Films leidet aber nicht zwangsweise unter dieser Verknappung und Komprimierung am Ende.

Vor 10 Jahren hätte man »Je suis Karl« wohl noch als übertriebene Jugend-Dystopie abgetan. 2021 wird das Kapitol gestürmt, rechte Ideologien und Extremismus erreichen unter dem Deckmantel des »Andersdenken« neue Zielgruppen und die Menschlichkeit ausstechendes politisches Kalkül ist selbst in christlichen und/oder sozialen Parteien salonfähig. Das Deprimierende daran: Der Film zeigt das mehr auf, als dass er Hoffnung auf Besserung gibt. Als Warnung ist »Je suis Karl« dafür durchaus effektiv.

Wühlt auf, stimmt nachdenklich ★★★★☆


  1. Die Chance nutze ich eigentlich immer, wenn sie sich mir bietet, da sie das Filmerlebnis grundsätzlich verbessert – bei massiv beworbenen Blockbustern natürlich schwierig, in diesem Fall aber machbar. 

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Je suis Karl (ab 17.9. i https://benedikt.io/2021/09/kritik-je-suis-karl/ 2021-09-05 Christian Schwochow https://benedikt.io/media/movie-review.jpg Luna Wedler alias Maxi gerät in den Sog einer extremistischen Bewegung. Ab 17.9. im Kino.

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