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Sony WH-CH710N – Test: Meiden & lieber mehr investieren

2 / 5Sterne·28.1.2022·Kommentare:  0Retweets:  1 1

Ich bin sicher der Falsche, um einen umfassenden, ausführlichen Test zu den Sony WH-CH710N zu schreiben – ich mach’s trotzdem. Denn obwohl meine Kopfhörer-Erfahrung noch gering sein mag und ich eher zu höherpreisigen Modellen wie den Sony WH-1000XM4 oder den Shure Aonic 50 tendiere, sollten wir bei den WH-CH710N vor allem über den Preis sprechen, und ob es da in derselben Preisklasse (oder um etwas mehr) nicht viel bessere Optionen gibt.

Bügel-Gabel der rechten Ohrmuschel, die WH-CH710N flach geklappt und Lauter/Play/Leiser- sowie ANC-Buttons am rechten Hörer in Großaufnahme.
Viel knarzendes Plastik, aber bequem und Buttons mit gutem Druckpunkt – die Sony WH-CH710N.

Warum genau die WH-CH-710N?

Ich habe mir die WH-CH710N via Grover geliehen (siehe auch meine ersten Eindrücke), um einen Vergleich zu meinen Austrian Audio Hi-X25BT ziehen zu können.

Hinweis: Dies ist ein unabhängiger, nicht kommerziell ausgerichteter Testbericht basierend auf meinen Erfahrungen. Ich habe die Miete für das getestete Produkt selbst bezahlt, mir stand weder ein Testmodell oder eine (kostenlose) Leihgabe zur Verfügung, noch enthält dieser Artikel Affiliate-Links. Ich stehe zudem in keinerlei Beziehung zum Hersteller, Verleiher und/oder Händler. Mehr zur nicht-kommerziellen Ausrichtung von benedikt.io gibt’s unter Über.

Beide Modelle haben eine UVP von 150 Euro, daher schien das fair. Das Modell von Sony ist aber teilweise schon ab 70 Euro zu haben, das von Austrian Audio geht auch im Fachhandel für die UVP über den Ladentisch. Ob der Vergleich aus Kostensicht nun also tatsächlich fair ist, kann jeder für sich selbst entscheiden.

Stärken und Schwächen

  • + Leicht
  • + Bequem
  • + Gute Akkulaufzeit
  • + Brauchbares ANC
  • - Schlechter Klang
  • - Material knarzt und knackst

Klang: unterirdisch

Kommen wir aber gleich zum Punkt: Die Sony WH-CH710N klingen schlecht. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Egal, ob für das Geld nette Features wie ANC mit an Bord sind oder auch der Sitz bequem ist. Der Klang ist einfach unterirdisch. Er wäre sogar unterirdisch, wenn die WH-CH710N nur 30 Euro kosten würden.

So klingen die WH-CH710N

Wie beschreibt man den Klang am besten? Die WH-CH710N klingen einerseits über das gesamte Spektrum dumpf, was natürlich vorrangig bei den Mitten und Höhen auffällt (und das bereits ab der ersten Sekunde). Der Bass ist andererseits zwar aktiv und gut wahrnehmbar, gibt aber sämtliche Details in diesem Bereich so verwaschen wieder, wie ich es schon lange nicht mehr (noch nie?) erlebt habe.

So macht Musik jedenfalls keinen Spaß. Wie kann es sein, dass Billig-In-Ears wie die Skullcandy Dime (True Wireless um die 30 Euro!) so gut klingen und Sony hier derart scheitert? Entweder man hält die Klangqualität bewusst unten, um den Absatz höherpreisiger Modelle nicht zu kannibalisieren oder aber man versucht bei einem möglichst billigen Basismodell mit Features wie ANC und Bluetooth die Marge in die Höhe zu treiben.

Die Verpackung der Sony WH-CH710N (blaues Modell) auf einem Tisch liegend.
Zu wenig Klang um zu viel Geld – die Sony WH-CH710N auf den Punkt gebracht.

Was hat sich Sony dabei gedacht?

Die WH-CH710N erinnern in der Hinsicht ein bisschen an das alte Sony: So agieren, als wäre man allein auf Welt und der einzige Anbieter für eine bestimmte Produktkategorie (siehe z.B. Memory Stick). Und in einer Welt, in der es nur Sony-Kopfhörer gibt, ergibt das Preis/Leistungsverhältnis der 710er durchaus Sinn.

Beginnt man bei Premium-Modellen um mehrere hundert Euro und reduziert dann Preis und Klang in 50-Euro-Schritten für die verschiedenen Käuferschichten, landet man irgendwann bei einem 150-Euro-Modell wie diesem, das halt einfach schlecht klingt, für Sony in seiner Modellpalette aber genau passt. Restlicher Kopfhörer-Markt mit all seinen Alternativen ums selbe Geld erfolgreich ausgeblendet.

Jedenfalls tut sich Sony damit keinen Gefallen, mit solchen Produkten ruiniert man langfristig seinen Ruf. Wer will bei so einem Hersteller schon auf ein teureres Modell upgraden? Liegt da nicht die Vermutung nahe, dass man auch bei einem 600-Euro-Modell bei der Konkurrenz viel mehr fürs Geld bekommt?

An der Stelle sei allerdings zur Ehrenrettung erwähnt, dass Sony auch anders kann und das z.B. mit dem True-Wireless-Modell WF-1000XM4 unter Beweis stellt.

Kritik abseits des Klangs

Die restlichen Kritikpunkte sind da schon fast egal. Aber ja, als Billigmodell sind die WH-CH710N komplett aus Plastik und knarzen leider bei jeder Gelegenheit. Bei normalem Gehen angefangen über Kopf- bis hin zu Kieferbewegungen – irgendwas knackst oder knarzt immer. Zudem lassen sich die WH-CH710N nicht klein zusammenklappen, sondern lediglich die Ohrmuscheln um 90 Grad verdrehen. Somit sind die Kopfhörer zwar flach, aber das war es auch schon. Ein Case oder Stoffbeutel wird übrigens nicht mitgeliefert.

Dass die Verbindung mit Sonys Headphones-Connect-App nicht klappt, habe ich bereits bei meinen Ersteindrücken erwähnt. Damals wusste ich noch nicht, ob die WH-CH170N die App überhaupt unterstützen, mittlerweile weiß ich aber, dass dem nicht so ist. Heißt auch: Keine Firmware-Updates oder Equalizer. Fairerweise muss man aber sagen, dass das in dem Preissegment durchaus normal ist.

Die Ohrmuscheln gehen für Over-Ears gerade mal so durch. Meine Ohren passen gerade so drunter, berühren aber die Ohrpolster. Als so schlimm wie bei meinen Ersteindrücken befürchtet, hat sich das Problem aber nicht erwiesen (der Sound lenkt von diesem kleinen Nachteil ziemlich gut ab).

Gibt es auch Positives?

Natürlich gibt es auch ein paar positive Aspekte:

Brauchbares ANC (kann WH-CH710N nicht retten)

Der letzte Punkt verdient wohl etwas mehr Aufmerksamkeit, als die kurze Abhandlung via Bulletpoint: Schaltet man die Kopfhörer ein, ist ANC standardmäßig aktiv – und weist leider ein wahrnehmbares Grundrauschen auf. Das gibt’s bei teureren Modellen auch, aber trotzdem nicht ideal.

Egal, was nun genau der Unterschied zwischen »echtem« ANC und diesem, von Sony als AINC (Artificial-Intelligence-Noise-Cancelling) bezeichneten ANC ist, es ist ganz brauchbar. Ich würde vermuten, dass die WH-CH710N einfach weniger Mikrofone als hochwertigere ANC-Modelle haben und den Rest via Software auszugleichen versuchen.

Hohe Frequenzen gehen wie üblich weiterhin durch, am Rudergerät wird zudem interessanterweise ein Luftzuggeräusch über die Ohrmuscheln übertragen. Dass das ANC nicht auf einer Höhe wie mit einem Topmodell wie den WH-1000XM4 ist, sollte natürlich bei dem Preis nicht verwundern. Im YouTube-Review der Soundguys gibt es einen diesbezüglichen Vergleich (mit den etwas älteren WH-1000XM3), der auf die Unterschiede beim Ausblenden der Frequenzen angeht (deren Fazit zum Sound kann ich allerdings absolut nicht nachvollziehen).

Fazit

Die Vorstellung, dass diese Kopfhörer 2020 mit einer UVP von 199 USD gelauncht wurden und 2022 Shure die Aonic 40 um 249 USD rausbringt (die vermutlich ähnlich wie die Aonic 50 klingen und im direkten Vergleich mit den WH-CH710N sowohl klanglich als auch verarbeitungstechnisch wie ein Stück Alientechnologie aus der Zukunft wirken) ist komplett absurd.

Mir ist klar, dass der finanzielle Spielraum bei jedem anders und eine sehr persönliche Sache ist. Zu Schüler- und Studienzeiten hätte ich mich auch eher in dieser Preisklasse umgesehen – und die Investition trotzdem genau überlegt. Umso mehr bin ich hier der Meinung, dass man für das Geld einfach kein ausreichend gutes Produkt bekommt. Schlicht und einfach, weil der Sound nicht gut ist.

Da mag das Featureset z.B. mit durchaus brauchbarem ANC zwar beeindrucken, meine Empfehlung lautet aber in dem Preissegment eher nach etwas zu suchen, was ohne dem ganzen Tech-Firlefanz auskommt (ich steh eh drauf, aber ich wisst, was ich meine) und dafür adequaten Sound bietet.

Denn mal ganz ehrlich, es gab z.B. die Shure SE215 eine Zeit lang als Bluetooth-Version um 70 Euro und die klingen tausendmal besser. Ja, die sind dann nicht True-Wireless und ja, es sind In-Ears. Bei Over-Ears fehlt mir die Erfahrung um gleich ein paar Alternativen nennen zu können, bin mir aber sicher, dass es sie gibt. Gebt euch also nicht mit den WH-CH710N zufrieden, nur weil Sony und ein paar nette Features auf der Verpackung stehen.

Oder anders gesagt: Wenn euch Sound egal ist, gibt es billigere Optionen. Wenn nicht, dann sind die Sony WH-CH710N so oder so keine gute Wahl.

★★☆☆☆


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