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Retro-Serien-Kritik: »Der dunkl­e Kris­tall: Ära des Widerstands« (2019)

Spoilerfrei·4.0 / 5Sterne·21.11.2022·Kommentare:  0Retweets:  0 0

1982 wagten Jim Henson und Frank Oz den Versuch, mit der »Der dunkle Kristall« eine Fantasy-Geschichte zu erzählen, die ohne menschliche Darsteller auskommt. Stattdessen agierten ausschließlich Puppen auf der Leinwand. Und dies mit der Ambition, dabei keinerlei für das Puppenspiel notwendige Hilfsmittel wie Fäden oder Stäbe zu zeigen. Der Film war zwar kein Flop, aber auch kein überwältigender Erfolg. Zudem wurde das Genre kurz darauf vom aufkommenden Sci-Fi-Hype und dessen Tricktechnik verdrängt. Aber es gab Fans und irgendwie auch einen Kultstatus – und der hat Netflix gereicht um 2019 eine exorbitant ausgestattete Prequel-Serie zu produzieren.

Prominente Besetzung, Veteran im Regiestuhl

Die Credits vermitteln gleich vorweg euphorische Aufbruchsstimmung das Genre betreffend: So leihen im Original nicht nur Mark Hamill, Lena Headey, Caitriona Balfe, Simon Pegg, Taron Egerton und Benedict Wong einigen der Figuren ihre Stimme. Regie bei allen 10 Folgen führte zudem Louis Leterrier, der – oder zumindest dessen Arbeiten – mit der »Transporter«-Reihe (2002), dem ersten MCU-Hulk (2008) oder auch »Die Unfassbaren« (2013) jedem Kinogänger ein Begriff sein dürfte(n).

Ich selber habe den Kinofilm einmal ausschnittsweise als Kind im Fernsehen gesehen und war von der gezeigten Welt fasziniert und meine mich auch daran zu erinnern, dass es mir (zumindest damals, auf einem kleinen 4:3-Röhrenfernseher) nicht ganz klar war, ob da ein kleines Kind mit Maske oder eine Puppe die Hauptrolle spielt. Runde 20 Jahre später, bei einer weiteren Sitzung auf Blu-ray, sah die Sache natürlich anders aus, denn gut gealtert ist der Film nicht unbedingt (vor allem die Art und Weise, wie er geschrieben ist). Die Idee, eine neue Geschichte im »Dunklen Kristall«-Universum mit entsprechendem Budget und moderner Technik zu erzählen, fand ich aber nichtsdestotrotz spannend.

Puppen als Einstiegshürde

Natürlich bleibt die Einstiegshürde aber entsprechend hoch: Puppen. Diese Hürde gilt für mich gleich doppelt: Nicht nur wegen der Abstraktionsebene durch das Puppenspiel, sondern auch, weil es mich vor ausnahmslos jeder Jim-Henson-Kreation von Kindheitstagen an gruselt. Für mich vermitteln die hibbeligen Puppen mit ihren Filz-Schlünden immer den Eindruck, als würden sie einen im nächsten Moment mit Haut und Haar fressen wollen. Getoppt wird das – gerade bei Jim Henson – durch Puppen, in denen offensichtlich ein echter Mensch steckt und die sich dadurch äußerst realistisch bewegen – eine Art analoges Uncanny Valley, wenn man so will.

Beeindruckende Produktion

Wenn man sich aber dazu durchringt, die erste Folge zu schauen, dann offenbart sich einem eine wahrlich beeindruckende Produktion: Sets, Puppen, dezent gemischt mit Computereffekten – das sieht alles sehr gut und sehr stimmig aus. Vom etwas schwierigen Einstieg in die erste Episode sollte man sich nicht abschrecken lassen: Obwohl die Ausgangssituation schnell erklärt ist, verliert sich die Erzählerstimme (Gastauftritt von Sigourney Weaver!) nämlich schnell in Details. Prinzipiell gilt: Die (bösen) Skekse sind bereits auf Skarith, herrschen über Thra und werden von den Gelfen nicht nur akzeptiert, sondern wie Götter verehrt. Dabei wollen Erstere besagten Kristall einfach nur für ewiges Leben anzapfen – wobei auch die Gelfen eine tragische Rolle spielen.

Bleiben wir noch kurz bei der Einstiegshürde, die ich bei jeder neuen Folge erneut nehmen musste. Auch wenn die Produktion beeindruckend ist: Sich in dem ohnehin schon abgedrehten Setting, zusätzlich zur zwangsweise eingeschränkten Gesichtsmimik der Protagonisten, auf die Geschichte einzulassen, ist schon eine Herausforderung – die aber belohnt wird.

Epische Fantasy, schöne Action

Rein auf die Geschichte heruntergebrochen ist »Ära des Widerstands« – so der Subtitel des Prequels – schon ein ziemliches Fantasy-Epos, durchaus mit Anleihen bei »Game of Thrones«, »Der Herr der Ringe« und ja, in einigen Details auch bei »Masters of the Universe«. Da geht es um Verrat – bei den Guten und bei den Bösen, um den Aufstieg über festgefahrene Strukturen hinweg (die Sidestory des Podlings Hup, der Palladin werden will, ist großartig) und natürlich auch die klassische Heldenreise, in der Opfer gebracht und der eigene Glaube hinterfragt und überwunden werden muss. Dabei kommt natürlich auch die Action nicht zu kurz, die in vielen Fällen mit einer Mischung aus Puppen und Computereffekten wirklich – in Ermangelung eines passenderen Begriffs – schön inszeniert ist.

Auch das Drumherum, das World-Building, das Tempo und – Gott sei Dank – auch der Soundtrack sind wirklich gelungen. Einiges ist vielleicht zu märchenhaft abstrakt (außer vielleicht, wenn man sich unzähliges Begleitmaterial in Form von Comics und Romanen zu Gemüte geführt hat): Wie betreiben die nur etwas mehr als ein Dutzend Skekse diese ganze Operation, woher kommt die Technologie in dem ansonsten eher in der High Fantasy angesiedelten Welt etc.?

Eher nichts für Kinder?

Was man ebenfalls sagen muss: Trotz Emmy-Auszeichnung in der Kategorie »Outstanding Children’s Program« ist die Serie aus meiner Sicht nicht unbedingt was für Kinder. Wenn die Skekse an Gefangenen im Kerker Experimente durchführen oder einen der ihren foltern – da fragt man sich, ob die FSK hier wirklich alle Folgen gesichtet hat um sich auf die Freigabe 7+ festzulegen.

Umso faszinierender, dass es zu dieser Umsetzung überhaupt gekommen ist: Denn die Schnittmenge aus Fantasy-Fans und »Der dunkle Kristall«-Fans, noch dazu ohne Kinder als Zielgruppe, dürfte Netflix in Anbetracht dieser aus allen Rohren feuernden Produktion vollkommen überschätzt haben – und folglich gibt es auch keine zweite Staffel.

Fazit: Einzigartige Puppentheater-Tour-de-Force

Die 10 Folgen dieser ersten Staffel sind dafür schon eine Genre-Seltenheit und eine aktuell einzigartige Puppentheater-Tour-de-Force. Wer sich nach wie vor unsicher ist, dem empfehle ich den – auch unten verlinkten – Trailer von 2019 anzuschauen, der spoilerfrei und auch ohne die besten Momente vorwegzunehmen, einen authentischen Eindruck der Serie vermittelt.

★★★★☆


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