Navigation überspringen

ÖBB-Jahreskarte (VOR) digital: Digitalisierung nicht zu Ende gedacht

5.1.2023·Kommentare:  15Retweets:  0 11

Ich wurde beim Schwarzfahren erwischt. Oder besser gesagt, mir wurde eine Strafe ausgestellt, als wäre ich schwarzgefahren. Ich weiß schon, der Kontrollor vor Ort kann nichts dafür. Und er war eh nett. Aber das Ausbaden der gescheiterten Digitalisierung der ÖBB-Jahreskarte (bzw. VOR) als Kunde nervt.

Der Hintergrund: Seit es beim VOR möglich ist, führe ich meine Jahreskarte nur digital mit (Team »Kein Geldbörsel«). Und konsequenterweise führe ich die Jahreskarte aus Plastik nicht mit. Auch nicht zur Sicherheit. Sobald ich das mache, brauche ich die App nicht. Und die ÖBB bzw. der VOR hätten sich 100.000e (oder gar Millionen?) Euro für die App-Entwicklung samt Infrastruktur sparen können. Aber ja, sagen wir mal es war meine Schuld, denn ich es hätte wissen müssen, dass es früher oder später einmal so kommt.

Screenshot aus der App mit der Fehlermeldung »Verbindung fehlgeschlagen – Der Server konnte nicht erreicht werden«.
Die konkrete Fehlermeldung, die erst nach sehr langer Ladezeit erscheint.

Zurück zum konkreten Fall: Kontrollor kommt, ich starte die App und sehe, dass keine Jahreskarte angezeigt wird. Hab ich das Hinzufügen vergessen, nachdem ich die Karte im Oktober bekommen habe? Nein, denn ich kann mich erinnern, die Karte bereits digital vorgewiesen zu haben, zuvorkommenderweise inklusive meines neuen Scheckkarten-Personalausweises – woraufhin ich die freundliche Info bekommen habe, dass dieser wegen des Fotos in der App gar nicht notwendig sei. Gut, nur jetzt sitz ich da, zwar mit Personalausweis, aber ohne VOR-Jahreskarte in der App.

Übergangskarte gilt nicht

Rauskramen des Mails mit dem vorübergehenden Papier-QR-Code (den man als Übergangslösung zum Ausdrucken bekommt, wenn man die Jahreskarte bestellt) nützt nichts, weil der natürlich als abgelaufen erkannt wird (Übergangskarte gilt nur einen Monat). Als Beweis, dass ich die Jahreskarte habe, will der (ÖBB-)Kontrollor den Code nicht anerkennen (obwohl der Code als solcher erkannt wurde, nur halt als abgelaufen).

Neu Anmelden klappt nicht & bringt nichts

Der Versuch mich in der App neu anzumelden funktioniert nicht, weil ich das Passwort nicht parat habe und ein Zurücksetzen des Passwortes daran scheitert, dass ich nicht weiß, wie mein (fiktives) Haustier heißt (immerhin ein Lacher beim Kontrollor, einer fürs Karma-Konto 😉). Soweit meine Schuld. Aber auch 20 Minuten später zu Hause klappt das Hinuzfügen der Karte nicht und wird mit einer Fehlermeldung quittiert. Auch 2 Stunden später nicht, als ich das Beschwerdemail schreibe. Wäre die Frage, wie das dann im Zug weitergegangen wäre – ich vermute: selber Ausgang.

Anhand des Personalausweises überprüfen, ob ich der bin, der ich vorgebe zu sein und online zu prüfen, ob ich eine Jahreskarte habe, kann der ÖBB-Kontrollor nicht. Laut ÖBB aus technischen und Datenschutzgründen. Kann – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – ein:e Wiener-Linien-Kontrollor:in schon. Seit 15 Jahren. 🤷‍♂️

Digitalisierung nicht zu Ende gedacht …

Genau Letzteres müsste aber aus meiner Sicht auf jeden Fall gehen, gerade wenn ich einen digitalen Ausweis anbiete. Denn sobald ich, wie gesagt, den echten Ausweis für den Notfall immer mitführen muss, kann ich mir die ganze App samt Digitalisierung sparen. (Ich bin schon auf die ersten Fälle gespannt, wo sich der digitale Führerschein nicht anzeigen lässt).

… oder doch?!

Wie ging’s aus? Zahlschein über 135 Euro, den man auf oebb.at/fgn mit Foto der personalisierten Jahreskarte beeinspruchen muss. Aber hey, immerhin das geht digital – also vielleicht doch zu Ende gedacht. 😂

Die Kirsche der Verhöhnung auf der Torte des digitalen Scheiterns: Auch dann werden – laut dortiger Angaben – noch 10 Euro für das Überprüfen der personalisierten Jahreskarte fällig. Heißt, einmal Karte bei Kontrolle nicht dabei haben: 10 Euro. Heißt auch, einmal Serverausfall bei Kontrolle: auch 10 Euro. 🤦‍♂️

Nein, doch nicht, denn …

… der Spaß geht auf oebb.at/fgn weiter, wie ich später am Abend feststellen musste. Und zwar so richtig. Stay tuned. Update: Lest auch mein dazugehöriges Tutorial zur ÖBB-Fahr­geld­nach­for­de­rungs­be­ein­spru­chung. In 35 Schrit­ten (kein Witz).

Update: Die Gebühr von 10 Euro ist fällig – und die Ironie perfekt

Einige Tage später flatterte die Zahlungsaufforderung über 10 Euro für die Bearbeitungsgebühr in meinen digitalen Posteingang – marketingtechnisch geschönt als »Reduzierung der Fahrgeldnachforderung«. Auf die der Kontrollor übrigens, als er die Beeinspruchung der Fahrgeldnachforderung als Lösung für das Dilemma präsentiert hat, sicherheitshalber nicht hingewiesen hat. Bleiben für die Kundin bzw. den Kunden mit einer gültigen Jahreskarte für eine Strecke, deren Ticket im Normalfall rund 7 Euro ausmacht eine »leicht« überhöhte »Nachforderung« von 135 Euro, die bei Beeinspruchung durch Erbringung des Beweises, ein:e Jah­res­kar­ten­be­sit­zer:in zu sein, auf 10 Euro reduziert wird. All das unter dem Begriff Fahrgeldnachforderung. ÖBB’s gonna ÖBB. 🤷‍♂️

Eure Meinung

Selbe Situation gehabt und seid gleicher oder anderer Meinung? Habt ihr Tipps oder andere solche Geschichten parat? Darauf freue ich mich wie immer in den Kommentaren!


Neueste Artikel

Schlagwörter

· · ·


Teilen & Favorisieren

Twitter (0 & 2) · Mastodon (0 & 2) · Facebook (0 & 7)

13 Kommentare

Hier (5) · Twitter (2) · Mastodon (4) · Facebook (4)

#1 von Peter am 5.1.2023, 17:46 Uhr

Ich habe auch meine physische DB Bahncard noch dabei, obwohl die Kopie in der App reicht. Einmal im Jahr die neue Karte herunterladen, mehr musste ich nicht machen (obwohl sich auch das automatisieren ließe). Doch in den letzten Monaten ist es mehrmals vorgekommen, dass ich sie noch einmal herunterladen sollte. Ich habe nicht verstanden warum.

Ich habe mich gefragt, was passiert, wenn der Akku leer ist. In meiner Navität hatte ich die Vorstellung, dass der kontrollierende Mensch eine Powerbank dabei hat und freundlicherweise 30 Sekunden wartet, bis das Gerät gestartet und die Bahnapp aufgerufen ist. Die Zeit braucht er auch, um die Personalien aufzunehmen oder – wie in deinem Fall – darauf zu warten, ob es in den E-Mails noch eine Kaufbestätigung gibt, die valide ist. Stattdessen wie bei euch: Strafzettel kassieren, Ticket später vorzeigen, Gebühr im kleinen zweistelligen Bereich begleichen.

Öffentliche Verkehrsmittel sind Infrastruktur. Wenn ich diese benutze, sollte ich die gleichen Ansprüche an die dafür notwendige App stellen können: dass sie verlässlich funktioniert und ich nicht nach privatrechtlichen Beförderungsbedingungen abgezockt werde.

Der DB Navigator in Deutschland zeigt meist die Verspätungsmeldungen der Privatbahnen nicht an, sodass es gut passieren kann, dass ich einen Anschlusszug nicht erreiche und irgendwo hängen bleibe. Seit einigen Wochen klappt eine Buchung auf meinem Smartphone nur im zweiten Anlauf. Das kostet Zeit, die ich manchmal nicht habe, wenn ich die Treppen zur U-Bahn herunterspringe.

Eine Regulierungsbehörde sollte einen Blick darauf haben, dass die App des/der marktbeherrschenden Bahnunternehmen nutzerfreundlich sind. Zusätzlich sollten die Daten frei sein, sodass alternative Apps entstehen können. Da müsste die Reguliererin dann darauf achten, dass die Daten frei und umgehend fließen.

#2 von Benedikt am 6.1.2023, 21:15 Uhr

Danke für dein Feedback, Peter!

Ich kann insbesondere das Gefühl nachvollziehen, dass man beim öffentlichen Verkehr zwar immer Verständnis bei Gebrechen, Ausfällen und Verspätungen haben soll (ich hatte da so manch lustige Erfahrung in der Vergangenheit 😉), im Gegenzug aber oft Null Entgegenkommen bei offensichtlich zahlenden Kunden an den Tag gelegt wird.

Mir ist noch die Idee gekommen, den QR-Code der Jahreskarte einfach als Screenshot zu speichern und notfalls diesen herzuzeigen – ich weiß nicht, ob das ein Kontrollor akzeptieren würde, aber es wäre jedenfalls einen Versuch wert. Denn funktionieren müsste der QR-Code ja und mit Personalausweis ausweisen muss man sich ohnehin.

Bezüglich deines Vergleichs mit den gleichen Ansprüchen an die Infrastruktur und die App. Ich könnte hier zynisch entgegen, dass diese eh beide »gleich gut« funktionieren. 😆 Ok, Spaß beiseite, es gibt Bereiche, wo öffentlicher Verkehr funktioniert, das ist schon mal nicht schlecht. Wer jeden Tag pendelt, merkt halt (so wie ich früher), dass es wohl öfter hakt, als es sollte. Wer das dann akzeptiert, sollte aber im Gegenzug ebenfalls mehr Kulanz erwarten können.

Was die Regulierungsbehörden bzw. alternativen Apps angeht, da gibt es in Österreich (auch reichlich spät natürlich und nicht ohne Kontroversen zwischendruch) mittlerweile, so scheint es mir (hab mir das nie genau angesehen), ganz gute Open-Data-Bewegungen z.B. bei den ÖBB oder auch bei den Wiener Linien.

#3 von Benedikt am 13.1.2023, 8:26 Uhr

Update: Die Bearbeitungsgebühr von 10 Euro ist fällig – und die Ironie perfekt (siehe auch Update oben).

#4 von derlinzer am 16.1.2023, 10:04 Uhr

Man (Wiener Linien, ÖBB, Linz AG, etc.) will halt einfach nicht. Punkt. Irgendein Schwippschwager eines Entscheiders meint, SW zu können und erhält Auftrag. Dass Kunden dadurch unnötig gegängelt werden und das alles Haufen Geld kostet, geschenkt.

2023 kann sogar der Alpenverein die Mitgliedskarte in Wallet hinterlegen, andere wollen einfach nicht. Aus Gründen.

#5 von Benedikt am 17.1.2023, 9:05 Uhr

Danke für dein Feedback, derlinzer! Ja, so sieht’s leider aus. Dass nicht immer alles perfekt läuft (gelinde gesagt 😆), lass ich mir ja noch einreden. Dann aber, wenn die eigene Infrastruktur streikt, bei zahlenden Kund:innen quasi doppelt zu kassieren, geht halt gar nicht.

Die Krönung sind dann, selbst wenn man den ÖBB erklärt, dass ihr eigener Server nicht funktioniert hat, Antworten vom FGN-Team à la …

Ihr Anliegen haben wir erneut geprüft: Wir handeln hier entsprechend unseren Tarifbestimmungen […] Entscheidung bleibt unverändert.

Da fehlt einfach jedwede Eigenwahrnehmung. 🤦‍♂️

Kommentieren

Am liebsten hier, gerne aber auch auf Twitter, Mastodon und Facebook.
Ich freue mich über jeden Kommentar und antworte gern innerhalb von 24 Stunden.