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Nokia N8: Flaggschiff mit Schlagseite

7.12.2010·Kommentare:  7

Seit eineinhalb Monaten hab ich Nokias neues N8 in Verwendung. Obwohl ich manche Schwächen erwartet habe und auch in Kauf genommen hätte, scheitert das N8 in einigen Bereichen leider schlimmer, als von mir angenommen.

Gleich vorweg: Dinge wie die Benutzeroberfläche, die im Vergleich zu früher zwar wesentlich verbessert wurde, aber weit, weit hinter iOS zurückbleibt oder aber der miserable Browser, der gerüchteweise noch dieses oder Anfang nächsten Jahres generalsaniert werden soll, lasse ich hier außer Acht (und widme ihnen vielleicht später einen eigenen Artikel). Stattdessen beschränke ich mich auf jene Bereiche, welche die tägliche Nutzung gleich von Anfang weg erschwert haben:

Musikspieler

Der Musikspieler ist die robusteste und schnellste Anwendung am N8. Was nicht heißen soll, dass dieser vor allem in Hinsicht auf die Bedienung verbessert werden könnte. Als Erstes fällt aber ein Detail auf, das in diesem Bereich nichts Geringeres als ein Sakrileg darstellt: Es gibt keine Interpreten-Ansicht.

Mail

Dass es auf meinem N8 eine Woche lang gar nicht möglich war, Mailkonten abseits von Exchange einzurichten wäre eigentlich schon schlimm genug. Nokia hat diesen Prozess an seine eigenen Server geknüpft und manche Modelle für den österreichischen Markt anscheinend nicht rechtzeitig aktiviert. Nach einer Woche waren plötzlich alle Optionen da, ohne Software-Update oder weiteres Zutun meinerseits.

Es mag nicht unbedingt zum Imap-Standard gehören, dass aber auch das N8 wieder nicht die Synchronisation gesendeter Mails beherrscht ist – gelinde gesagt – schade. Am N8 über Imap versendete Mails landen anschließend nicht am Mailserver sondern verbleiben lokal am Handy. Die Option, sich beim Senden selber eine Kopie zukommen zu lassen um diese wenigstens per Regel verschieben zu können, gibt es nun ebenfalls nicht mehr.

Synchronisation mit einem Mac

Nokia Multimedia Transfer

Wer sich Nokias Multimedia Transfer für den Mac installiert, sollte die Übertragung großer Bibliotheken (mehrere GB) etappenweise angehen. Andernfalls stürzt das Tool gerne ab. Wer damit z.B. zuerst den externen Speicher auffüllen lässt1 erhält gleich im Anschluss die Meldung, dass man wieder Platz schaffen soll, weil die Karte so gut wie voll ist. Und wer von einer Übertragung zur nächsten den Sprung von Speicherkarte zu internem Speicher schafft, hat dann alle Playlisten doppelt. Das Schlimmste: Selbst wer mit Nokias eigener Software Musik überträgt muss nachher wie in früheren Symbian-Versionen die Bibliothek manuell aktualisieren, was je nach Menge mehrere Minuten in Anspruch nehmen kann (in denen man den Musikspieler nicht benutzen kann). Was ebenfalls seit mindestens einem Jahr nicht richtig funktioniert, ist die Synchronisation mit iPhoto. Jedesmal aktivere ich das Kästchen, dass die Fotos nach dem Import vom Handy gelöscht werden sollen, jedes Mal passiert genau das nicht. Sowohl auf meinem damaligen 6220 classic, als auch auf dem N8.

iSync

Für den Abgleich von Kontakten und Kalender-Einträgen bietet Nokia ein eigenes iSync-Plugin an. An sich eine tolle Sache, aber während dies bei Kontakten noch tadellos funktioniert, hakt es bei Kalendereinträgen gewaltig. Ein neues Feature in Symbian^3 ist die Unterstützung mehrerer Kalender. Übertragen werden diese mit Nokias eigenem Plugin aber nicht aufs Handy. Dort landen alle Einträge ausnahmslos in jenem namens »PC Suite«. Am Handy erstellte Einträge werden nur in iCal übertragen, wenn sich diese ebenfalls im »PC Suite«-Kalender befinden. Zugegeben, ich weiß nicht, ob hier die Schuld bei Apple oder bei Nokia liegt. Im iSync Plug-in Maker User Guide habe ich diesbezüglich keine speziellen Anmerkungen gefunden, was entweder bedeutet, dass es von Haus aus oder eben gar nicht funktioniert. Andererseits schreibt Nokia in seinen FAQ nirgends, dass dies eine Einschränkung von iSync und somit Apple sei.

Während ich vor fast zwei Jahren von Nokias Mac-Unterstützung noch ziemlich angetan war, frage ich mich langsam wirklich, ob die Finnen die Unterstützung jemals aus diesem halb fertigen Status bekommen. Oder ob bei Nokia überhaupt jemand einen Mac hat.

Audioausgang

Der allerschlimmste Fehler ist allerdings der minderwertige Audioausgang. Mit den mitgelieferten Ohrhörern fällt es nicht gleich auf, wer aber höherwertige Stöpsel anschließt kann sich auf ein leichtes, aber dennoch störendes knatterndes Hintergrundrauschen einstellen, das bei jedem Song-Anfang und -Ende, bei gesprochenen Inhalten wie Audiobüchern oder generell leiserem Output ständig präsent ist. Zumindest so lange der Screen aktiv ist – und zwar nicht nur bei Musik, sondern bei allen Tönen, die das N8 ausgibt. Schaltet sich der Bildschirmschoner ein, verschwindet das Rauschen. Während der Wiedergabe von Musik oder unterwegs in der U-Bahn mag es nicht auffallen, in ruhigen Umgebungen ist es aber inakzeptabel. Entweder handelt es sich hier um einen Fehler der ersten Serie (ein weiteres N8, das ich testen konnte, hatte das gleiche Problem und in Nokias Support-Foren haben schon einige User davon berichtet), einen generellen Designfehler oder eine Art Treiberproblem, für das Nokia im Release-Stress keine Zeit mehr hatte.

Diese Punkte vermitteln freilich keinen umfassenden Eindruck, denn das N8 hat auch einige positive Eigenschaften, die vor allem hardwareseitig um die exzellente Kamera2, den praktischen FM-Transmitter und die Anschlussmöglichkeiten wie USB sowie HDMI zu finden sind. Mit diesen negativen Aspekten, die den täglichen Gebrauch unnötig verkomplizieren, fällt es aber derzeit schwer das N8, vor allem Mac-Usern, zu empfehlen.


  1. Was wohin soll lässt sich nicht direkt steuern, man kann aber einstellen ob zuerst in- oder externer Speicher verwendet werden soll.
  2. Keineswegs aber deren patschertes Interface. 

Schlagwörter

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7 Kommentare

#1 von Christoph am 7.12.2010, 13:11 Uhr

Als iPhone Besitzer durchaus lustig zu lesen 😉
Aber mal ganz im Ernst: Ich glaube einfach nicht dass man, auch als riesige Firma mit mehreren tausend Mitarbeitern, mehr als eine Handvoll an Produkten wirklich ernsthaft entwicklen kann, sie liebevoll designed und sie perfekt macht (oder zumindest versucht das Maximum heraus zu holen). Nokia hat allein auf der österreichischen Site 116 Modelle im Angebot, 20 davon mit Touchscreen (was ich jetzt mal als Smartphone bezeichnen würde). Ja wie soll den das bitte funktionieren? Die Leute wissen ja wahrscheinlich nicht mal mehr, wie viele Telefone sie im letzten Jahr herausgebracht haben. Hier zählt wohl Quantität statt Qualität.

#2 von Dominik am 7.12.2010, 13:16 Uhr

Also beim Punkt »Audioausgang« wäre bei mir definitiv Schluss, das ist der selbe Effekt den auch mein Firmenlaptop (HP) hat. Da hörst du die Festplattenaktivität auf guten Ohrstöpseln…

#3 von ernst am 7.12.2010, 15:16 Uhr

der audioausgang auf meinem e51 rauscht auch leise

#4 von Benedikt am 7.12.2010, 16:26 Uhr

Dominik, ich war am Anfang sogar leicht geschockt, dass solche Fehler überhaupt noch vorkommen. Das in einem Nokia-Care-Point zu demonstrieren dürft leider auch eher schwierig sein. Allerdings bin ich draufgekommen, dass Handys dieser Größe und Touch-Bedienung mit Kabelohrhörern ohnehin mühsam sind. Hab mir, obwohl es Nokia eigentlich nicht verdient hat, die A2DP-Hörer BH-505 zugelegt. Abgesehen von der einfacheren Bedienung bin ich vor allem von der Soundqualität hin und weg. Und die Rauschübertragung umgeht man damit ebenfalls, weil es keine physikalische Verbindung mehr gibt. Spricht trotzdem nicht unbedingt fürs N8, aber immerhin.

Ernst, komisch, dass Nokia da so Unterschiedliche Qualität abliefert. Bei meinem 6220 classic (das glaub ich zur gleichen Zeit wie das E51 rausgekommen ist) hatte ich damit keine Probleme.

#5 von Benedikt am 8.12.2010, 16:41 Uhr

Christoph, sorry, dein Kommentar ist im Filter hängengeblieben. Nokias Strategie ist sicher eine andere als jene von Apple, sie entwickeln halt für Märkte und Zielgruppen. Im Highend-Bereich hat sich das für die Finnen bisher aber nicht bewährt, wohl auch weil diese Strategie in meinen Augen wenig innovationsfördernd ist. Auch bei der für Nokias Verhältnisse zurückgeschraubten Palette an Symbian^3-Modellen frage ich mich, warum es neben dem N8 (Kamera), E7 (Tastatur) und C7 (billig) auch noch ein C6-01 geben muss, welches sich vom C7 kaum unterscheidet. Das wirkt so, als wollte man in 50-Euro-Schritten einfach in jedem Preissegment präsent sein. Und softwaretechnisch ist man in meinen Augen in vielen Bereichen noch nichtmal da, wo das iPhone bereits vor vier Jahren war. Immerhin könnte man aus diesem, etwas kryptischen Statement herauslesen, dass Plattform-Updates ab Symbian^3 nun für alle Geräte ausgerollt werden. Wie’s tatsächlich sein wird, wird die Zukunft weisen.

#6 von David am 26.12.2010, 11:16 Uhr

Bei Engadget stellt man sich auch die Frage How would you change Nokia’s N8?.

#7 von Benedikt am 26.12.2010, 13:57 Uhr

Da hätte ich eine ganze Liste, aber als aller Erstes: Geschwindigkeit! Nach über zwei Monaten Nutzung fallen einem wirklich viele verbesserungswürdige Sachen auf, aber die Trägheit des Systems bzw. der Benutzeroberfläche stört am meisten.


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