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ÖBB: Schrödingers Schienenersatz­verkehr

22.10.2018·Kommentare:  3Retweets:  1 8

Spätestens seit »The Big Bang Theory« dürfte Erwin Schrödingers Gedankenexperiment, auch bekannt als »Schrödingers Katze«, jedem ein Begriff sein – denn welches Experiment der Physik hat es bitte sonst noch auf ein T-Shirt geschafft?

Schrödingers Katze in der Physik

Seine Berühmtheit verdankt es der paradoxen Schlussfolgerung, eine Katze in einem geschlossenen Raum, die zu einem unbekannten Zeitpunkt einer tödlichen Falle zum Opfer fällt, wäre ohne Überprüfung ihres Zustandes gleichzeitig lebendig und tot. Das Experiment mag höchst theoretisch klingen und doch finden sich im Alltag oft praxisrelevante Situationen, bei denen »Schrödingers Katze« zur Anwendung kommt. Einer dieser Sponsoren der Wissenschaft sind beispielsweise die ÖBB, welche »Schrödingers Katze« noch um eine soziologische Komponente erweitern. Doch beginnen wir am Anfang.

Schrödingers Schienenersatzverkehr bei den ÖBB

Letzten Donnerstag stoppte die S1 in Deutsch-Wagram länger als üblich. Als musikhörender Fahrgast akzeptiert man diese Verzögerung, weil minutenlange Halte nichts Ungewöhnliches sind (und man ohnehin nichts dagegen tun kann). Erst als plötzlich alle Fahrgäste im Waggon, wie zum Fallschirmsprung bereit, aufstehen und zur Tür strömen, weiß ich, dass es sich hier nicht um eine einfache Verspätung handelt. Am Bahnsteig ist aufgrund von Durchsagen und Anzeigen auch schnell klar, dass wegen eines Verkehrsunfalls zwischen Deutsch-Wagram und Süßenbrunn der Fahrbetrieb eingestellt ist. Es wir zudem verkündet, dass ein Schienenersatzverkehr angefordert wurde.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Schienenersatzverkehr sowohl existent als auch nicht. Denn ob tatsächlich einer organisiert wird und ankommt, weiß man als Fahrgast nicht. Den Zustand des Schienenersatzverkehrs kann man schließlich nicht überprüfen. Hier kommt auch die soziologische Komponente in Spiel:

Gruppenbildung

Auf Basis der vorhandenen Informationen bilden sich nämlich drei Gruppen:

Die Optimisten ·
Die Mehrheit, welche die Bahnsteiginsel durch die Unterführung verlässt und vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude auf den angeforderten Schienenersatzverkehrs-Bus wartet.
Die Zyniker ·
Eine erfahrene Gruppe alter Öffi-Haudegen, die aller Ankündigungen zum Trotz am Bahnsteig ausharren.
Die Strategen ·
Die kleinste Gruppe, die sich alle Optionen offen hält und auf alle Eventualitäten vorbereitet ist. Sie wartet beim Aufgang zum ehemaligen Bahnhofsgebäude und kann im Bedarfsfall schnell zum Bus laufen, um dort einen der begehrten Plätze zu ergattern oder wieder über die Unterführung retour zum Zug, falls dieser doch weiter nach Wien fahren sollte.

Aufgrund meiner empirischen Erfahrungswerte zähle ich mich zur Gruppe der Zyniker. Das hat mehrere Gründe: Erstens haben Jahre des ÖBB-Busfahrens als Volksschüler ihre Spuren hinterlassen – ich weiß, wie man im öffentlichen Verkehr überlebt, sich durchschlägt und zum Ziel kommt. Zweitens haben es die ÖBB laut meinen empirischen Erfahrungswerten auf der S1 noch nie geschafft, spontan einen Schienenersatzverkehr zu organisieren. Zuletzt ist dieses Vorhaben im April nach einem Blitzeinschlag in das Stellwerk Süßenbrunn gescheitert.

Aufkeimen von Hoffnung

So warten also am Bahnhofsplatz geschätzt 100 Optimisten, am Bahnsteig an die 50 Zyniker und am Abgang ungefähr 10 Strategen. Während ich die Zufahrt zum Bahnhofsvorplatz beobachte und Chris Lohner Verspätung um Verspätung und Ausfall um Ausfall aufzählt, keimt nach ca. 25 Minuten kurz Hoffnung auf:

Achtung, Bahnsteig 3, Zug nach Wien Süßenbrunn fährt ein.

… schallt es durch die Lautsprecher. Freilich ein Missverständnis, wie sich beim Öffnen der Türen herausstellt. Noch mehr Fahrgäste strömen aus dem Zug und verteilen sich auf die drei Gruppen, während der Zugführer über die Bordsprechanlage Deutsch-Wagram als Endstation verkündet.

Die Katze hat einen Puls!

Es vergehen erneut 10 Minuten und noch kein Bus ist in Sicht. Gleich wird aber etwas passieren, dass alle drei Gruppen wieder zusammenführt und sie näher zum Ziel bringt. Denn der Zugführer der zuvor als Schnellbahn nach Wien Süßenbrunn angekündigten Garnitur verkündet über die Lautsprecher:

Sehr geehrte Fahrgäste, dieser Zug fährt in Kürze Richtung Wien Meidling ab.

Die Gruppe der Zyniker öffnet per Tastendruck erfreut die Türen – freie Sitzplatzwahl! Die Strategen spazieren hurtig die Stufen hinunter und die Massenansammlung der Optimisten am Bahnhofsvorplatz trottet gemächlich wieder Richtung Abgang zur Unterführung.

Fazit

Was schließen wir daraus? Man weiß nicht, ob ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wird, bis er tatsächlich ankommt. Während Schrödingers Katze zum Glück nur ein theoretisches Experiment ist, gibt es bei den ÖBB aber durchaus empirische Erfahrungswerte.

Fahrgäste, welche diese in ausreichendem Maß gesammelt haben, verweilen am Bahnsteig. Fehlen diese: Ab durch die Unterführung zum Bahnhofsvorplatz – wer weder empirische Daten noch »Schrödingers Katze« im Kopf hat, muss es eben in den Beinen haben. Puristen, die keinen Wert auf praktische Versuchsreihen legen (in der Wissenschaft oft auch als Mathematiker bekannt) warten am Aufgang der Unterführung – denn für sie ist die Wahrscheinlichkeit für jede eintretende Situation schließlich wie bei einem Würfel gleich verteilt.

Für Angehörige aller drei Gruppen gilt jedoch: Keiner kann mehr behaupten, Wissenschaft hätte keinen Praxisbezug.


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3 Kommentare

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#1 von Hans Hofstätter am 31.10.2018, 12:27 Uhr

Sehr gut überlegt :-). lG

#2 von Benedikt am 2.11.2018, 8:42 Uhr

Hallo Hans, vielen Dank – freut mich!

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