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A/V-Receiver, eine aus­ster­ben­de Art? Ein paar Gedanken zur Onkyo-Pleite

27.6.2022·Kommentare:  0

Onkyo ist pleite. Hatte ich vor kurzem noch darüber spekuliert, wann es den ersten A/V-Recevier-Hersteller erwischen würde, ist es nun traurige Gewissheit, denn der japanische Traditionshersteller hatte bereits Mitte Mai Insolvenz beantragt. Absehbar könnte man zynisch meinen, aber in jedem Fall schade – ein Blick zurück auf ein Wirrwarr an Emotionen während meiner Zeit als Onkyo-Kunde.

Gleich vorweg: Viele der folgenden Punkte gelten für alle Receiver-Hersteller, nicht nur für Onkyo. Hoffen wir aber, dass nicht alle das gleiche Schicksal ereilt.

Qualitätsprobleme

Meinen ersten Onkyo-Receiver, einen TX-SR507, legte ich mir 2009 ungefähr zeitgleich mit meinem ersten HD-Beamer zu. Schon zwei Jahre später war der Receiver defekt, der HDMI-Output zeigte nur mehr Störsignale. Die Gewährleistungsfrist war nur wenige Tage abgelaufen, das Gerät wurde von Amazon aber trotzdem anstandslos zurückgenommen. Die Folge: Ich blieb dem Händler treu, stufte die Markenerfahrung als Pech ein und investierte in ein neues Modell – mit dem TX-NR609 abermals von Onkyo.

Schon damals liebäugelte ich übrigens mit W-Lan-Support, den der TX-NR609 aber nicht hatte bzw. nur mittels USB-Dongle (auf der Frontseite!) nachgerüstet werden konnte. Ich war sicher: Das Nachfolgemodell im Jahr darauf würde garantiert integriertes W-Lan haben. Ein Jahr später erschien das neue Modell … und hat als Killerfeature kein integriertes W-Lan, sondern den USB-Anschluss für den WiFi-Dongle auf der Rückseite – so geht Fortschritt. Nicht. 🤦‍♂️

Der TX-NR609 hat länger gehalten. Nämlich ganze 4 Jahre. Dann auch war dieses Modell hinüber. Da es hier aber ein (offenbar größeres) Problem mit der Serienfertigung gab, startete Onkyo eine großangelegte Austauschaktion, in deren Rahmen ich mein nun mittlerweile 3. Onkyo-Gerät erhielt: den TX-NR646 – dieses Mal (immerhin schon 2016) mit integriertem W-Lan und – damals neu – Dolby Atmos.

Der Receiver hält tatsächlich bis heute, selten auftretende Bildfehler waren bisher (hoffentlich) nur auf das Kabel zurückzuführen.

Null Vision

Ich habe es oben mit der fehlenden W-Lan-Funktionalität bereits angedeutet, aber A/V-Receiver aller Hersteller punkteten nie mit großer Vision. Es waren im Prinzip immer nur große, schwere, schwarze Kisten, die aus Laiensicht nichts anderes taten, also Ton zu verstärken und an die richtigen Lautsprecher weiterzuleiten. Und das konnte eine im Vergleich dazu federleichte Creative Extigy 2002 auch schon. Ja, der Vergleich ist nicht fair, weil da der Verstärker im 5.1-Boxenset im Subwoofer untergebracht sein musste. Aber was die »Vision« angeht, sei der Vergleich gestattet.

Und wenn es nur Größe und Gewicht wären! In Zeiten immer teureren Wohnraums gingen A/V-Receiver-Hersteller etwa nicht dazu über, z.B. endlich Bluetooth-Sender statt Empfänger einzubauen, nein Dolby-Atmos wurde abgefeiert. Ein Format, dass die Montage von Boxen an der Decke erfordert – vermutlich nicht reichweitenfördernd.

Auch das Aufkommen von Streaming-Boxen wurde komplett ignoriert. Denn in dem riesigen Gehäuse eines Receivers war es anscheinend nicht möglich, auch nur irgendeine Form von Plattform zu integrieren, die eine UI darstellen und HD-Videos abspielen kann. Viel kleinere Blu-ray-Player aus der Zeit konnten das und boten z.B. Netflix als App (zwar auch schrottig im Vergleich zu Apple TV und Co, aber immerhin).

Wobei Streaming ja nicht ganz ignoriert wurde. Denn irgendwann nach 2010 begannen Hersteller wie Onkyo z.B. Audio-Streaming-Dienste wie Spotify zu unterstützen. Nur, dass diese Unterstützung aus Usersicht ein Witz war. Die muss man sich nämlich so vorstellen: Dieses ohnehin schon fürchterliche teletextartige Interface, dass der Receiver als UI über die Video-Ausgabe legt, beherrscht nur das 4:3-Format. Das Interface wird so natürlich immer auf 16:9 gestreckt, womit dann das Spotify-Logo nicht als Kreis, sondern als Ellipse dargestellt wird. Das sei nur als erheiternde Notiz am Rande erwähnt, denn viel schlimmer war natürlich das Interface selbst, weil die Spotify-Steuerung damit eine Katastrophe war: Tippt mal mit einer Standard-Fernbedienung auf so einem Teil irgendetwas ein, um einen Künstler oder ein Album zu suchen.

Auch der komplett verkorkste DLNA-Standard konnte A/V-Receiver nicht wohnzimmertauglicher machen. Denn schon damals viel mir auf: Das Verbinden eines Geräts mit DLNA braucht mehr Tastendrücke, als die Wiedergabe via AirPlay mit extern angeschlossenem Apple TV zu starten.

Ehrenrettung

Jetzt will ich natürlich nicht allzu negativ schließen, denn für eine Sache waren A/V-Receiver, zumindest für Beamer-Besitzer wie mich, unabdinglich: Die Weiterleitung aller angeschlossener Geräte über ein einziges HDMI-Kabel nach hinten zum Beamer an der Decke. Und an Geräten kam da im Lauf der Zeit wahrlich einiges zusammen: Blu-ray-Player, Apple TV, Ninentdo Wii, Sat-Receiver, irgendwann mal sogar noch ein alter Videorecorder etc.

Das grundlegendste Feature sollte man natürlich auch nicht vergessen: Surround-Sound war und ist eine großartige Sache und wurde mit der Einführung von Blu-ray mit DTS-HD Master Audio und Dolby TrueHD noch besser (und können Streaming-Anbieter noch immer nicht). Wie praktikabel das aber für die meisten Fernsehgeräte-Umgebungen heutzutage ist, und ob diese nicht ganz andere Features erfordern würden, ist aber eine andere Frage (sofern man daheim nicht sein eigenes kleines Heimkino aufzieht).

Fazit

Könnte ich mir eine Welt vorstellen, in der Hersteller wie Onkyo ihr eigenes Ökosystem hochgezogen haben, z.B. mit komplett kabellosen Boxen, die man nur hin und wieder auf ein Wireless-Charging-Pad stellen muss und unkompliziert komplett frei im Raum verteilen kann? Die mit Standards wie Bluetooth Ton an mehrere Kopfhörer gleichzeitig senden können? Die wie TV-Geräte-Hersteller ein OS integriert haben, dass alle gängigen Streaming-Anbieter unterstützt? Ja, absolut! Und so einen A/V-Receiver hätte ich garantiert zu Hause stehen. Nur, wenn mein aktueller TX-NR646 den Geist aufgibt, bin ich schwer am Überlegen, ob es nicht weniger komplizierte Lösungen mit annähernd gleicher Leistung gibt.


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