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Vor 5 Jahren lieferte ein schwedisches Start-up die allerersten True-Wireless-Ohrhörer aus

30.11.2020·Kommentare:  5Retweets:  0 2

Bluetooth zur kabellosen Übertragung von Ton übte auf mich schon immer ein gewisse Faszination aus. Aber schon Jahre (um nicht Jahrzehnte zu schreiben) davor waren für mich als Schüler, auf der Uni, auf dem Weg zur Arbeit und oft auch währenddessen dabei immer Ohrkanal-Ohrhörer meine erste Wahl: sie waren klein, leicht und unauffällig. Zudem saßen sie, wie der Name schon sagt, sicher und fest im Ohrkanal und lieferten bei entsprechend gutem Sitz nicht nur kräftigen Bass, sondern auch einfach sehr guten Sound. Nur das Kabel war immer eine mühsame Angelegenheit.

Den Walkman im Rucksack, während man am Fahrrad durch die Au über die Donaubrücke zur Schule fährt (mit Ohrhörern natürlich nur bis zum Beginn des Stadtverkehrs), in den Wiener Öffis oder beim Sport – lästig war es irgendwie immer. Als dann Bluetooth-Ohrhörer wie Sonys HBH-IS800 auf den Markt kamen, konnte ich nicht widerstehen und hab sie mir einfach zugelegt: Echte In-Ears, nur mit einem Kabel zwischen den Hörern verbunden – das war zumindest einmal die Zukunft! Die vermuteten Kinderkankheiten sollten sich freilich bestätigen: Schlechte Verbindung zum Smartphone in der Hosentasche, mühselige Verbindungsabbrüche samt noch mühseliger -wiederherstellung und eine schwankende Tonqualität von akzeptabel bis zu Tode komprimiert schlecht. Aber aus meiner Sicht waren die IS800 doch irgendwie Wegbereiter für eine Produktkategorie, die für mich einige Jahre später was die Tonqualität betrifft mit kabelgebundenen (Mittelklasse-)Ohrhörern mithalten konnte.

Aber natürlich war da noch immer dieses eine Kabel zwischen den Hörern. Längst nicht mehr so lästig, wie jenes zum Smartphone, aber doch in der Bewegung einschränkend und man fragte sich, ob nicht auch diese physikalische Verbindung drahtlos erfolgen könnte.

Dieses Versprechen wurde im Februar 2014 vom deutschen Start-up Bragi auf Kickstarter angekündigt sowie einige Monate später, Mitte 2014, vom schwedischen Start-up Earin. Ich habe natürlich beide unterstützt und nach zwei erfolgreichen Kickstarter-Kampagnen, die man wohl beide als Achterbahnfahrt der Gefühle bezeichnen konnte, tatsächlich die Produkte beider Hersteller erhalten.

Die Earin M-1 waren 2015 die allerersten True-Wireless-Ohrhörer am Markt. (© Earin)

Und obwohl Bragi als Erstes seine Crowdfunding-Kampagne gelauncht hat, so war es doch Earin, die Ende 2015 (in meinem Fall Ende November) seine damals einfach noch »Earin« genannten (und später in »M-1« umgetauften) Ohrhörer an seine Backer ausliefern konnte. Earin selbst feierte das 5-jährige Jubiläum bereits Anfang Oktober, für mich wird es immer der November sein, der meine Audio- und Ohrhörer-Gewohnheiten für immer verändert hat. Das mag überdramatsiert klingen, aber für mich ist dieser Technologiesprung nach wie vor faszinerender, als z.B. ein Prozessor-Architekturwechsel wie aktuell (wiedermal) bei Apple. Die »M-1« waren für mich auch eines dieser Start-up-Produkte, wo einfach alles gepasst hat (zumindest für mich, dazu aber gleich mehr): Eine coole und noch immer unerreichte Ladekapsel mit Star-Trek-Gadget-Feeling, bei der man einen Schlitten mit einem metallischen Flop-Geräusch herauszieht und die Ohrhörer herausnimmt. Wechselbare Comply-Foam-kompatible Ohrstöpsel, eine sehr, sehr gute Klangqualtät und sogar eine App mit Gain-Erhöhung (zu geringe maximale Lautstärke ist meiner Meinung nach noch immer oft ein Problem).

Ja, es gab auch Kritik und ich war sogar etwas erstaunt, wie »trollig« es in Kickstarter-Foren manchmal zugehen kann. Die beiden größten Kritikpunkte waren aber für mich einfach kein Thema: Die »lange« Entwicklungszeit Mitte 2014 bis Ende 2015 mutet im Nachhinein für ein revolutionäres Audioprodukt sogar lachhaft kurz an und das Problem, dass die Verbindung zwischen zwei Hörern via Bluetooth nie optimal funktionieren kann (heutige True-Wireless-Ohrhörer verbinden sich untereinander mit NFMI und nicht mit Bluetooth), reduzierte sich auf einen halbsekündigen Dropout des linken Hörers alle 15 bis 20 Minuten (mit sofortiger automatischer Wiederverbindung). Ob es bei anderen Backern tatsächlich schlimmer war oder nur gefühlt, kann ich zwar nicht beurteilen. Und ja, heutzutage wäre das bei 300 Euro teuren Sennheisern inakzeptabel, aber damals war das selbst mir, als jemand der bei Produktqualität oft sehr genau und pingelig ist, einfach wurscht – es war einfach der (sehr, sehr) geringe Preis, den man für eine komplett neue Produktkategorie zahlen musste. Und es tat der Nutzung einfach keinen Abbruch. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich eines Abends mit dem Zug nach Hause gefahren bin, mich, mit den M-1 in den Ohren, mit der Ladekapsel in den Händen herumgespielt habe und ich von dem Produkt und den damit eingeleiteten Fortschritt einfach nur begeistert war.

Auch wenn die Etablierung des Begriffs True Wireless vor allem der argen Verbreitung von Apples AirPods zugechrieben wird, sei dazu angemerkt: Die AirPods kamen erst ein Jahr später auf den Markt, etablierten einen Look mit dem nur Apple davonkommen kann (die später vorgestellten Pros sind ok) und hatten eine offene Bauart, die unsicher in der Ohrmuschel hängt und den Klang nach außen durchlässt.

Gerade aber wegen des durchschlagenden Erfolgs der AirPods ist es umso schöner zu sehen, dass Earin als eigenständiger Hersteller weiterhin besteht (und von den damaligen Start-ups leider als einziges übrig blieb). Und wer weiß, ob es ohne den Pioniergeist und der Vision von Crowdfunding-Kampagnen wie jenen von Bragi oder Earin heute überhaupt True-Wireless-Ohrhörer in der Form gäbe. Denn, dass Apple, Samsung, Sennheiser und Co. dieses Risiko ohne entsprechenden Druck aus Eigenantrieb in Kauf genommen hätten, wage ich zu bezweifeln.

Was meint ihr? Hat True Wireless eure Ohrhörer-Gewohnheiten ebenfalls verändert? Könntet ihr noch mit Kabel (mobil) Musikhören oder wollt ihr nicht mehr darauf verzeichten? Über eure Meinung freue ich mich in den Kommentaren.


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